Josef Bill SJ {*}

Geistliche Texte

Die Meditation zu Bibelbildern in Gottesdienst und Verkündigung
Zum Bild des den "Rosenkranz betenden Mönches" im Kölner Dom
Im Rhythmus Ruhe finden - Von der heilenden Wirkung des Rosenkranzes
"Actio und Contemplatio"
Alltag - Spur unseres Lebens
Meditation und Kult
Ein Eroberer ohne Waffen - Franz Xaver
Erste Schritte - Gedanken zu einem Gemälde von Vincent van Gogh
Die Fußwaschung - Purpurkodex von Rossano (Syrien, 550 n. Chr.)
Von der Kostbarkeit des Alters - Das Alter als Lebensphase
Und er stellte ein Kind in die Mitte

Die Meditation zu Bibelbildern in Gottesdienst und Verkündigung

Es läßt sich kaum übersehen, drängt sich täglich neu auf: Je mehr Bilder es gibt, um so weniger selbstverständlich ist es, daß der Mensch noch wirklich sehen kann, um so mehr wächst die Gefahr, über allem "Gucken" das Schauen zu verlernen, die Gefahr, etwas nur noch im "Blick" zu haben (im "Augen-Blick"), es in seinen Tiefen aber zu verlieren. Von einer verwirrenden Flut optischer Reize heute zu sprechen, kommt daher schon beinahe einem Allgemeinplatz gleich. Dennoch scheint es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, damit Verkümmerungen dieser Art, wenn irgend möglich, hier noch verhindert werden können. Wenn wir also Bilder zur Bibel suchen, die mehr sein wollen als zusätzlicher Eindruck zu schon vorhandenen Eindrücken, müssen wir die diesbezüglichen Nöte unserer Zeit deutlich sehen.

Die Bibel, das geoffenbarte Wort Gottes, ist uns in keinem Bild überliefert, so wie uns das Wort der Frohen Botschaft selbst überliefert und geschenkt ist. Insofern hat das Wort vor dem Bild in jedem Fall einen "Vorsprung", einen Glaubensvorsprung, den ein Bild, entstanden als sinnlich festgehaltene Vorstellung eines biblischen Ereignisses und entstanden in einer ganz bestimmten Zeit und unter bestimmten künstlerischen Voraussetzungen, niemals einholen kann.

Das Bild will mithin, wenn es sich seiner begrenzten Rolle bewußt bleibt, die Bibel nie "auslegen". Es will keine Exegese betreiben - abgesehen davon, daß es dies auch gar nicht kann.

Andererseits kann nicht übersehen werden, eine wie große Rolle die bildliche Darstellung von Ereignissen des Evangeliums und des Alten Testamentes - sieht man einmal ab von den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung, etwa bis zur Zäsur mit der Entscheidung im Bilderstreit - im Bewußtsein der Gläubigen immer wieder gespielt hat. Gewiß waren Bilder auch damals den des Lesens und Schreibens Unkundigen kein Bibelersatz, aber sie erfüllten im Nachgang zur Predigt des Bischofs oder eines Mönchpriesters doch eine unverzichtbare Glaubenshilfe: die der "Anschaulichkeit" des gehörten Wortes.

 

BIBEL-BILDER - BILDER DER BIBEL

Wenn die Bibel selbst uns auch bildlos als geoffenbartes Wort Gottes überliefert ist, so enthält sie gleichwohl eine Fülle von Bild-Aussagen, Vergleichen, bildhaften Wortspielen, Parabeln und Gleichnissen, ohne die auch der Wort-Gehalt, die Wort-Wirklichkeit nicht denkbar wären. Sie, diese Bild-Einkleidungen, machen es uns vielfach überhaupt erst möglich, die Botschaft selbst zu "verstehen", sie in uns einzulassen, das Geheimnis ihres Tiefen-Sinns zu ahnen. Nur in Bildern war den Jüngern, war den Zuhörern Jesu das Unbegreifliche seiner Botschaft begreiflich geworden, war ihnen nahegekommen. Andererseits sind gerade die biblischen Bilder auch mehrdeutig, sonst könnten die Jünger nicht um Deutung der Gleichnisse bitten, könnten nicht zurückfragen {1}. Ja, es kamen für sie Augenblicke, in denen sie die Bildlosigkeit in ihrer Eindeutigkeit klärend und heilend empfunden haben müssen: Jetzt redest Du offen und sprichst nicht mehr in Gleichnissen... " {2}

Es sind Bild-Worte vom Acker und vom Weizen, vom Sämann und seinem Samen, vom Weinstock, vom Salz und vom Licht, von der Hochzeit und der Einladung zu einem königlichen Gastmahl, vom Dieb in der Nacht und den bösen Winzern, von einem gottlosen Richter und den Brautjungfrauen mit ihren Windlichtern: Bilder aus einem nahezu unerschöpflichen "Bilder-Buch", Bilder, die einerseits an unsere Bild-Fähigkeit und Ein-Bildungskraft anknüpfen, andererseits diese aber auch erst provozieren.

Insofern muß der Hörer der Botschaft immer neu lernen, sich in die Bilder Jesu hineinzuhören, damit er (dann) auch lernen kann, sich ihnen auszusetzen. Bisweilen erklärt Jesus den Jüngern seine eigenen Bilder: "Der Sämann sät das Wort..." {3}, aber er scheint doch auch vorauszusetzen, daß dies den Jüngern bei wirklicher Hörbereitschaft und Sehwilligkeit selbst gelingen kann. So appelliert das Wort immer auch an die Sinne des Menschen, will bei dem sinnhaft geschaffenen Menschen sinnlich und leiblich ankommen. "Ihr aber seid selig, denn Eure Augen sehen und Eure Ohren hören." {4} Thomas von Aquin sagte einmal: "Omnis cognitio incipit a sensibus", "Alle Erkenntnis beginnt mit der sinnenhaften Wahrnehmung." Will man den Weg der Verkündigung Jesu also nachgehen, wird man mithin bald entdecken, daß er um der "Verständlichkeit" seiner Botschaft vom ankommenden Gottesreich willen immer den Weg über die Sinne des Menschen wählt: damit die Jünger vom Sehen zum Einsehen kommen, vom Hören zum An-gehören finden, beim Horchen das Ge-horchen lernen.

 

SUBJEKTIVITÄT DES SCHAUENS

Wer Bibelbilder zu meditieren beginnt, wird wie von selbst der Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit der von Jesus benutzten Bild-Aussagen begegnen. Die Reaktion darauf wird immer eine verschiedene Weise des Erfahrens sein. Horst Schwebel formuliert diesen Vorgang einmal so:

"Der Meditierende braucht nicht Rechenschaft abzulegen, ob sich sein Schauen, Empfinden, Reflektieren innerhalb eines vorgeschriebenen Weges aufhält, der der Struktur des Kunstwerkes adäquat ist. Von Vorteil ist, daß in der Kunstmeditation die Vielschichtigkeit möglicher Wirkungen seitens des Werkes nicht methodisch eingezwängt wird. Das Ich als geschichtliche Subjektivität wird voll in den Vorgang mit hineingenommen." {5} Was hier von der Kunstmeditation generell gesagt ist, läßt sich unschwer auf pastorale Situationen in unseren Gemeinden übertragen. Natürlich dürfen Absicht und Ziel eines Bildes nicht außer acht gelassen werden. Trotzdem gilt: Jeder Hörende hat seine Ohren, jeder Sehende hat seine Augen; d. h., die persönliche Geschichte und die dadurch bedingte jeweilige geschichtliche Subjektivität machen den Vorgang des Hörens und Schauens bei jedem, der von einer Botschaft angerührt wird, zu einer je eigenen Wirklichkeit mit einem eigenen Verstehenshorizont. Das meint nicht subjektivistische Interpretation, sondern das Anlangen und Sichaneignen eines Bildes im einzelnen Menschen, meint das Zusammenklingen (Zusammentreffen) der eigenen Welt, aus der der Meditierende kommt, mit dem im Bild gemeinten Geheimnis der Bibel.

Bilder versuchen diesen Prozeß des Aufnehmens während eines bestimmten geschichtlichen Augenblicks zu deuten. "Sie sind visuelle Zeugnisse der Wirksamkeit des Schriftwortes unter den verschiedenen epochalen, regionalen, sozialen, ästhetischen, psychologischen... Bedingungen." {6} Bibelbilder sind Deutungen, bei denen der jeweilige Künstler das Wort in die heutige Situation übersetzt. Dieses "Heute" ist wichtig für die Entdeckung des eigenen Lebensgefühls, aber es ist sicherlich nicht so wichtig und einzigartig, als ob nur in solchen Bildern unsere "geschichtliche Wirklichkeit mit ins Spiel kommen und so eine Hilfe für das Ankommen der Botschaft hier und heute geleistet werden" könne {7} Ich glaube schon, daß wir uns in Bildern auch vergangener Jahrhunderte, wenn auch nicht in unserer ganzen heutigen existentiellen Betroffenheit, so doch in vielem, was wir als verwandt erleben, wiederfinden können. Aus der Distanz eines größeren zeitlichen Abstandes läßt sich Ähnliches und Gleiches besser einschätzen, werden "Verluste" und geistige "Verkümmerungen" spürbar erlebt.

 

WELCHES SIND BIBLISCHE BILDER?

Biblische Bilder sind sicherlich nicht all jene Bilder, auf denen mehr oder weniger zufällig irgendein biblisches Thema für irgendeine Sache oder einen Zweck dargestellt und abgehandelt wird. Längst haben sich auch Industrie und Werbung so mancherlei biblischer Themen bemächtigt, haben sie bildhaft und merkantil vermarktet und unter die Leute gebracht, ohne daß man behaupten wollte, das habe auch nur im entferntesten noch etwas mit biblischer Darstellung zu tun {8}.

Der Mangel an hilfreichen biblischen Bildern aus jüngster Vergangenheit und bis hinein in die Gegenwart ist oft (genug) beklagt worden. Ich möchte mich dem Chor solcher Lamentationen nicht ohne weiteres anschließen. Wohl hat der brillante und leidenschaftliche Otto Mauer, Domprediger zu St. Stephan in Wien und gleichzeitig Leiter der "Galerie nächst St. Stephan", noch kurz vor seinem Tod in einer großen Philippika die unselige Distanz der Kirche zur modernen Kunst angeprangert, eine Distanz, die er in gleicher Weise hilflos wie ärgerlich empfindet. Sicherlich trifft Mauer hier einen empfindlichen Punkt. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle tatsächlich eine über viele Jahrzehnte versäumte Gewissenserforschung endlich nachholen, sollten uns einmal kritisch fragen, warum so viele wahrhaft "große Künstler niemals kirchlich beauftragt wurden", oder wie es möglich war, daß "ganze Tendenzen an der Kirche (spurlos) vorbeigehen" konnten (etwa Jugendstil oder Kubismus, um zwei Kunstrichtungen aus jüngerer Zeit zu nennen), ohne daß sie offiziell auch nur zur Kenntnis genommen worden {9}. Auch Günter Lange kommt zum Schluß, daß "die bedeutendsten Werke der Moderne auch die von religiöser Relevanz, ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Kirche und ihrer Grundlage, der Bibel, entstanden" sind {10}

Steht man einmal grundsätzlich zu solchen Fakten, so lassen sich doch Ansätze gültiger biblischer Deutung auch bei "Heutigen" feststellen. Ich denke, es sind nicht nur Georges Rouault, Karl Caspar und Emil Nolde, deren späte Rezeption uns einigermaßen tröstet, es sind eine ganze Reihe der Moderne und jüngerer Richtung (ich denke besonders an manche Vertreter des Expressionismus), deren Versuche viele wenigstens wie Farbtupfer auf der blassen Leinwand modernen kirchlichen Kunstverstehens, mitten in einem rasanten Wandel zeitgenössischer Kunst, empfinden. Wer heute meditativen Zugang zu biblischen Bildern sucht, wird bei Josef Hegenbarth, Christian Rohlfs, Roland-Peter Litzenburger oder Emil Wachter gute Zustiege finden; er könnte mit Alfred Manessier oder Thomas Zacharias fortfahren: Es scheint, daß sich die Bilanz der Bilder, die über "christliche Gebrauchsgraphik" (G. Lange) hinausreichen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten doch um einiges geändert hat. Wem es schwerfällt, bei der Moderne anzusetzen, wird in der Fülle christlicher Ikonographie der Vergangenheit genügend Möglichkeiten entdecken, die ihm helfen, Wege und Deutungen zum biblischen Geheimnis zu finden. Eines scheint mir indes sicher zu sein: Ohne Hinführung, ohne gleichzeitige Erschließung des künstlerischen, zeitgeschichtlichen und spirituellen Kontextes geht es nicht. Anders wäre eine "biblische Bildmeditation" nichts mehr als ein gefühlsmäßiges Betrachten, im besten Falle ästhetische Beschreibung von zufällig gefundenen Inhalten.

 

GOTTESDIENST UND VERKÜNDIGUNG

Die Vielfalt gottesdienstlicher Formen hat es, besonders in den letzten Jahren, mit sich gebracht, daß in den Gemeinden das Bild in immer stärkerer Form in die Verkündigung miteinbezogen wurde. Wie oben angedeutet, will das Medium "Bild" dabei keineswegs die Primärbedeutung der Wort-Verkündigung schmälern, wohl aber ergänzen um die sinnenhafte Dimension des Menschen.

Im Grunde genommen könnte die Kirche gar nicht mehr, selbst wenn sie es wollte, all der vielen Gelegenheiten bildhafter Verkündigung entraten, die ihr bei unzähligen Situationen, in Ausübung ihres von Christus überkommenen Auftrages, der Weitergabe des Glaubens, zu Hilfe kommen. Nahezu jeder Taufbrunnen enthält Bilder, in jedem Kruzifix sehen wir das Geheimnis unserer Erlösung veranschaulicht, jedes Kirchenfenster erzählt von der Verkündigung des Engels an Maria oder vom leidenden und auferstandenen Herrn. Unsere Kreuzwegtafeln, die Predella eines Hochaltares, ein gesticktes Antependium, das über den Altar gebreitet ist, all dies sind beinahe "normale" Möglichkeiten einer Pfarrei, reiche Möglichkeiten, um im Wechsel des Kirchenjahres zur Mitfeier und zur aktiven Anteilnahme am gottesdienstlichen Geschehen hinzuführen. Ich war einmal Zeuge, wie ein Pfarrer während zweier Predigten die kostbar geschnitzte Kommunionbank seiner Kirche zum Anlaß seiner Ausführungen machte, habe es oft erlebt, wie im Kreuzgang des Domes von Brixen die jahrhundertealten Deckenfresken für Menschen verschiedenster Sprachen plötzlich zu leben begannen, wie die Glasfenster Chagalls von St. Stephan in Mainz Hunderte, ja Tausende von Kirchenbesuchern in Bann schlugen, ich weiß aber auch, wie wichtig bzw. wie hilfreich bei einem "einfachen" Bußgottesdienst die kleinen Bildtexte des Liturgischen Institutes von Trier sein können.

Aus der Fülle der Möglichkeiten möchte ich hier nur einige wenige nennen. Es geht dabei, begreiflicherweise, nicht um Vollständigkeit, geht nicht um einen Katalog aller denkbaren Situationen. Jede Gemeinde wird, hat sie erst einmal die Hilfe des Mediums Bild wirklich entdeckt, eigene Erfahrungen machen. So sollen diese spärlichen Bemerkungen eher Anreiz sein, Vergleichbares im eigenen Rahmen auszuprobieren.

 

MEDITATION MIT BIBLISCHEN BILDERN IM ABLAUF DER LITURGISCHEN JAHRESZEITEN

1. Fastenzeit und Ostern

Jahr für Jahr entdeckt eine Gemeinde es als ihre Aufgabe, sich auf Ostern, das Hochfest christlicher Erlösung, vorzubereiten. In der jüngsten Zeit ist der Gemeinde dabei die Wiederbelebung eines alten Brauches, die Betrachtung und Verehrung des sogenannten "Hungertuches" zu Hilfe gekommen.

Waren früher mehr die Marterwerkzeuge Geißel und Speer, die Würfel der Soldaten und der mit Essig erfüllte Schwamm Betrachtungsgegenstände der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, so sind es heute auch die Themen unserer Zeit, der unterdrückten Menschenrechte, der Friedenssehnsucht der Völker usw., die auf dem von Künstlern der 3. Welt entworfenen Tuch mit den Themen der Bibel (Bergpredigt, Gleichnisse Jesu usw.) verknüpft werden. Gehört "Welt" nicht so (z.B. wenn auf einem Tuch an "Terre des Hommes" erinnert wird) notwendig zum biblischen Hintergrund dazu? Wird dadurch das biblische Motiv nicht berechtigter - und sinnvollerweise ausgeweitet in einen Welt-Bezug? - Meist sind die Möglichkeiten, solche Hungertücher für Gottesdienst und Katechese zu nutzen, so reich, daß ein einmaliges "Ansprechen" sich schon bald als ungenügend herausstellt. Viele Pfarrer kommen denn auch häufiger während der Fastenzeit darauf zurück, manche Jugendgruppen hängen sich eine kleinere Wiedergabe des Tuches in ihr Jugendheim, lassen es dort das Jahr über hängen, um sich daran zu erinnern. Kurz erwähnt waren bereits die kleinen, sehr hilfreichen Bildtexte des Liturgischen Institutes in Trier. Sie werden besonders gerne für Bußandachten während der Fastenzeit in den Gemeinden, aber auch bei anderen Gelegenheiten benutzt. Der Prediger kann in seiner Ansprache leicht Bezug nehmen auf die dort abgebildete Miniatur, in der eine Krankenheilung, Totenerweckung oder die Speisung der Fünftausend dargestellt ist. Die Teilnehmer des Gottesdienstes können das kleine Bild mit nach Hause nehmen, können es in Brief- oder Handtasche verwahren und sich auch untertags daran erinnern oder in einer ruhigen Minute das dort abgedruckte Gebet beten und für sich meditieren.

Etwas anderes ist es mit Ostern selbst. Die Feier der Osternacht steht ganz unter dem Eindruck des österlichen Lichtes (Osterkerze), der Verkündigung des Ostergeschehens und der eucharistischen Feier. Hier scheint die Sprache der Symbole (Licht, Wasser) und der Handlung selbst so stark zu sein, daß es keines Bildes als Glaubenshilfe bedarf.

 

2. Advent und Weihnachten

Immer mehr Pfarreien, geistliche Gemeinschaften (Orden) und kirchliche Verbände gehen dazu über, einen gedruckten Brief mit einem künstlerisch wertvollen Weihnachtsbild (Kunstkarte) an Helfer, Freunde oder Wohltäter zu verschicken. Auch hier erreichen Pfarrer oder Pfarrgemeinderat, das Kloster oder die Oberin in der Regel Menschen, die für ein gutes Bild, für einen kurzen meditativen Text besondere Aufgeschlossenheit zeigen - auch wenn solche Aufgeschlossenheit vielfach nur "jahreszeitlich" (sprich: weihnachtlich) bedingt ist. Dennoch meine ich: Die Mühe lohnt sich! Ein Bild kann sich einprägen, kann, gerade wenn es sich wohltuend von der sonst üblichen Massenware und dem oft töricht-hilflosen Geschenk-Zwang dieser Tage abhebt, ermutigen, Hoffnung vermitteln, trösten. Gelangt ein solcher Brief in die Familie, bleibt er auf dem Küchentisch oder im Wohnzimmer liegen, wird in der Familie auch darüber gesprochen. Ähnliches gilt bei Triduen, Festen und Feiern, bei Jubiläen und vielfachen örtlichen Begebenheiten. Hier warten Chancen, die weithin noch völlig ungenutzt sind.

 

PASTORALE ANLÄSSE - SAKRAMENTENSPENDUNG

Noch immer ist die Taufe in einer Familie auch äußerlich ein Anlaß, der viele aus der Verwandtschaft zusammenführt. Oft sind es Gläubige, oft aber auch Ungläubige, Distanzierte, Kirchenferne, die so die Gelegenheit des Kontaktes mit den Angehörigen (noch) wahrnehmen wollen. Ein Bild als Andenken, ein Bild, das das eigentliche Geheimnis des Taufsakramentes in einer für die Teilnehmenden faßbaren Weise darstellt, wird kaum jemand in einer solchen Situation ablehnen. Man kann damit eine kleine Katechese während der Tauffeier verknüpfen, kann das Bild aber auch nur eben erwähnen und den Verwandten und Angehörigen am Ende der Feier nach Hause mitgeben. Dem Täufling selbst bzw. seinen Eltern und Paten, zur Erinnerung an den Empfang des Sakramentes, läßt sich eine künstlerisch-gute Reproduktion (z. B. des auferstandenen Christus vom Isenheimer Altar), versehen mit einer Widmung durch den Pfarrer, mitgeben. Das Bild kann den jungen und heranwachsenden Menschen auf vielen Stationen seines Lebens begleiten.

Verfasser dieser Zeilen hat häufiger bei vergleichbaren Anlässen in diesem Sinne mit Bildern gearbeitet. So bei Trauungen und Totenmessen, in verschiedenen Ordenskonventen und bei Jugendgottesdiensten. Bisweilen sind es Karten aus bekannten Kunstverlagen gewesen {11}, bisweilen das reiche Angebot an Dias mit biblischen Motiven, die dabei hilfreiche Dienste leisteten. Ein "Weniger" ist dabei oft ein "Mehr". Auch bei der Benutzung von Dias sollte man selten mehr als eines verwenden, gleichviel, um welche Gelegenheit es sich handelt; ob um ein Patrozinium, eine Ordensprofeß, um offene Exerzitien oder eine Dreikönigsfeier. Will man wirklich "Verkündigung" im Blick behalten, will man mit der Gemeinde oder einer Gruppe wirklich "meditieren" und nicht einen Lichtbildervortrag anbieten (sich dabei womöglich so manches auf seine kunstgeschichtlichen Kenntnisse zugute halten), werden meist ein Bild, vielleicht auch zwei genügen. Das ignatianische Wort "Nicht das Vielwissen macht die Seele satt und gibt ihr Genüge, sondern das Fühlen und Verkosten der Dinge von innen her" gilt sicherlich auch hier. Das quantitative Mehr führt fast unweigerlich zu einer qualitativen Minderung: Spiritueller Effekt läßt sich nicht durch Menge produzieren.

 

GEDRUCKTE HILFEN

Es ist schwer, hierzu Gültiges zu sagen, ohne sich gleichzeitig dem Verdacht auszusetzen, einseitig etwas zu befördern. Jede Auswahl von hier erwähnten Arbeitshilfen ist notwendigerweise subjektiv. Einerseits dürfte es gut sein, wenn viele selbst versuchen, einmal einen kleinen Meditationstext zu einem guten Bild zu verfassen. Andererseits ist die Schwemme der Bildkarten und "Bildmeditationen" in der letzten Zeit ins Uferlose angeschwollen. So gilt es auch hier, Spreu und Weizen sorgsam voneinander zu scheiden, Geschriebenes und Gediegenes (was nicht unbedingt ein Gegensatz zu sein braucht) richtig zu erkennen. Der Jesuit und Kunstkritiker Herbert Schade SJ hat vor Jahren einmal Klärendes und Besorgtes, wenn auch ein wenig gallig, dazu geäußert {12}. Die heutige Situation ist eher schlimmer geworden, als sie seinerzeit war. Dennoch seien hier zwei Formen "gedruckter Arbeitshilfen" ausdrücklich erwähnt, nicht weil sie auflagehoch sind bzw. von vielen bezogen werden, sondern weil sie außerhalb eines allgemeinen Trends liegen und auch weil sie von ganz verschiedenen Gruppen angefragt werden.

a) Zunächst seien hier die von Frau Theresia Hauser (Arbeitsgemeinschaft Frauenseelsorge Bayern) herausgegebenen "Thema-Hefte" {13} erwähnt. Der jährlich in vielen 10.000 Exemplaren vom Deutschen Katecheten-Verein verschickten Nummer liegen regelmäßig Bildblätter bei (meist farbig), die auch einzeln nachbestellt werden können. In den für die Arbeit mit Gruppen bereits aufgearbeiteten einzelnen Kapiteln finden sich an verschiedenen Stellen Anstöße zur Arbeit mit diesen Bildern, besonders am Ende der jeweiligen Kapitel. Vermutlich gehen diese ausgesuchten und hilfreichen Bilder bereits in mehr als 100.000 Exemplaren in Pfarreien, Gruppen, Verbände, an einzelne Bezieher, vermutlich weit über Deutschland hinaus.

b) Eine andere, in manchem ähnliche Art biblischer Bild-Meditationen hat seit vielen Jahren das Nationalsekretariat der GCL (Gemeinschaften christlichen Lebens) in Augsburg entwickelt {14}. Die dort erscheinenden "Werkhefte" enthalten regelmäßig eine Bildmeditation (die auch als Einzelblatt mit oder ohne Text bezogen werden kann). Auch diese Art von Bildern zur Bibel und zu aktuellen Lebensbezügen eignet sich in guter Weise für die Arbeit mit Gruppen, für gottesdienstliches Feiern, für viele Formen der Verkündigung.

 

MEDITATION ZU BIBELBILDERN IM FERNSEHEN

Zwar ist das Fernsehen selbst schon optisches Medium, es ist aber durchaus denkbar - sehr viele Versuche beweisen dies -, daß in Zukunft noch stärker als schon bisher in diesem optischen Medium das Bild nochmals als optisches Medium einen wichtigen Verkündigungsauftrag übernehmen kann und wird. Nicht nur beim "Wort zum Sonntag" oder bei einer gottesdienstlichen Übertragung mit ihrer oft hervorragenden Ausleuchtung von Altarbildern, Deckenbildern, Kreuzbildern usw., läßt sich das Bild ins Bild bringen. Es sind oft Sendungen, in denen Bilder wirklich meditativ nahegebracht werden. Erinnert sei an die noch laufende Serie des WDR - jeweils sonntags zu guter Sendezeit - "Hundert Meisterwerke". Daß hier in den Voranzeigen der Fernsehzeitschriften bereits Thema und Künstler genannt sind, ist zweifellos eine Hilfe. Dabei machte die Filmkamera mit ihren großartigen Möglichkeiten die Präzision und den Detailreichtum eines Werkes erst richtig deutlich. Wer daran interessiert war, konnte auf diese Weise in den vergangenen Monaten El Greco, Edgar Degas, Jan van Eyck ("Die Madonna des Kanzlers Rolin"), Thomaso Masaccio aus der italienischen Frührenaissance mit seinem "Zinsgroschen" oder auch Vittore Carpaccio ("Das Wunder des Kreuzes") vor dem Fernsehschirm meditieren bzw. sich zur Meditation anregen und führen lassen. Wenn in Zukunft noch schneller Filme auf Kassetten überspielt werden, so liegt hierin eine zusätzliche neue Chance, "einfache", "heilende" und im Betrachter "Identifikation" bzw. Betroffenheit auslösende Bilder als Glaubenshilfe anzubieten. - Ob das zu optimistisch gesehen ist? Ob wir, auch von offizieller kirchlicher Seite her, unseren aus christlicher Haltung arbeitenden Künstlern dazu Mut machen? Oder ob wir wiederum nur unsere Kräfte in einer am Herkömmlichen orientierten Apologetik verbrauchen, einseitig warnend und beschwörend, weil das Neue ja noch so unerprobt ist, also auch schon darum verdächtig sein muß?

Wie sehr ein Bild, ein Kunstwerk, auf Mitteilung und Aussage angelegt ist, hat Günter Rombold einmal so gedeutet: "Wir werden uns bewußt, daß das Kunstwerk nicht nur da ist, daß es auch wirkt. Es ist Träger einer Botschaft, ist Sprache, die uns optische, emotionale, rationale Botschaften vermittelt. Es will gerade Interesse wecken, will Bewußtsein erhellen, kann einen Appell enthalten, ganz im Sinne Rilkes: ,Du mußt Dein Leben ändern.' Diese Spannung von ästhetischem Spiel und kommunikativer Mitteilung ist unaufhebbar. Es ist die Dialektik von In-sich-selbst-Sein und Über-sich-hin-aus-Sein." {15}

Was hier vom Kunstwerk allgemein gesagt ist, gilt ganz ähnlich für jedes meditative Bild. Es will eine Botschaft vermitteln, will wecken und tief im Menschen etwas erhellen.

Das Bild, der Träger einer Botschaft ist im Letzten nicht die gemalte Darstellung vor unseren Augen, sondern Jesus Christus selbst, seine Person, seine ganze Wirklichkeit. "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung" {16}. Die Angleichung an dieses Bild ist der nie zu Ende gehende Auftrag an den einzelnen und an unsere Gemeinden.

Gräfin Wiesiolowski "Michael lehrt die Menschen zu säen"

MICHAEL LEHRT DIE MENSCHEN ZU SÄEN: EINE BILDMEDITATION

Einer alten jüdischen Legende zufolge kehrten Adam und Eva nach ihrer Vertreibung weinend und hilflos wieder zur Paradiespforte zurück. Der Engel stand nicht mehr dort, den Eingang mit dem Schwert bewachend, sondern nahm sie mit sich und zeigte ihnen die Kunst des Säens. Nur eine Legende. - Aber in der Legende das Bild tieferer Wirklichkeit. Die Künstlerin hat sie eingefangen in ihre Zeichnung. In den wenigen, sparsamen Strichen mit ihrem Kohlestift hat sie diese Wirklichkeit in geglückter Form gedeutet. In der Bildmitte, im Schnittpunkt der Diagonalen, das beinahe lächelnde, gütige Gesicht des Engels. Seine riesigen Schwingen, die sich über das ganze Bild ausbreiten, machen ihn kenntlich als mächtigen Boten Gottes. Rückwärts schreitend läßt er den Samen in die aufgebrochenen Furchen fallen. Damit nichts verlorengeht, hält er die Linke nahe vor sich, mit der Rechten reicht er tief hinunter, so daß er fast die Erde berührt. Derweil schauen die Stammeltern vom Rande des Ackers scheu dem seltsamen Spiel zu. Eng aneinander gedrückt hocken sie da, ratlos, verzagt. Was soll jetzt werden?

"Da es ein Engel ist", so heißt es in einem Brief der Künstlerin, "lasse ich den Samen gleich unter seinen Fingern keimen."

Aussaat und Reifung, Anfang und Weitergang, Initiative und Ergebnis - das Bild läßt etwas ahnen von einer himmlischen Gleichzeitigkeit, in der alle irdischen Dinge gesehen werden. Uns erscheinen sie nacheinander, getrennt, unabhängig eins vom andern, scheinbar zufällig geschichtlich so aneinandergereiht. Gott schaut Aussaat und Ernte in eins. Im Augenblick unserer Schuld weiß er schon die Antwort seines barmherzigen Handelns, im Moment des Säens hat er die Frucht aus dieser Saat schon vor Augen.

Vielleicht ist auch anderes gemeint. Durch seine Boten, die er schickt, zieht Gott selbst die Spuren, zwischen denen er seine Saat aufgehen läßt. Mitunter werden die Spuren undeutlich, gehen verwischt. Der Wind fährt drüber hin, die um den Samen aufgehäufelten, schützenden Furchen zerbröckeln. Aber die Saat keimt. Sie wächst unter der Schneedecke des Winters und sucht ihre Zeit, bis sie aufgehen darf. Der Engel Gottes tut Ermutigendes. Er vertraut den Samen unserer Erde an, läßt ihn in unserer Kultur und Geschichte zur Reife kommen.

Vielleicht ist noch etwas gesagt, wenn wir uns selbst aus dem Bildbezug nicht aussparen. Ob wir nicht selbst am Rande des Feldes sitzen und zuschauen, wie der Bote, der uns geschickt wurde, den Acker bestellt? Ob wir nicht selbst oft klagend vor die zugeschlagene Pforte zurücklaufen in der unstillbaren Sehnsucht, das Wort des Gerichts möge nicht das letzte sein, das gesprochen wird? Ob wir nicht - sogar in allen Protesten und lauten Verwünschungen - noch insgeheim die Hoffnung nähren, Gott möge trotzdem immer wieder Spuren in unsere Erde und unser Leben graben, Spuren, die Neues entstehen lassen, Spuren, die ihn als Urheber alles Lebendigen ausweisen? Und gibt es nicht doch - allen Unkereien und allem Defaitismus zum Trotz diese Spuren in unserer. Geschichte und auf dem eigenen persönlichen Weg? Spuren Gottes auch in der Art, wie wir menschlich miteinander leben, weil dieser Gott sich in seiner Schöpfung erkennt?

Fruchtbarkeit ist nicht etwas, was Lärm verursacht, und Wachstum kann man nicht hören. Alles Zur-Reife-Bringen ist letztlich Tat Gottes, des Lebendigen, selbst. Wenn unsere Augen die Pflanzungen Gottes in Welt und Geschichte nicht mehr wahrnehmen, so bedeutet das nicht, daß Gottes Engel aufgehört habe zu wirken. Es ließe sich eher vermuten, daß unser Blick trüb geworden ist. Mit dem Blick auf die eben bestellte Erde ist der Bote Gottes nicht mehr Engel mit dem Flammenschwert, sondern Helfer, der neuen Saaten zum Keimen verhilft.

 

Anmerkungen:

{1} Vgl. Mk 4,10, Mt 13,10ff, LK 8,9f - auch Jo 16,17 ff, Jo 16,25.
{2} Jo 16,29f.
{3} Mk 4,14ff u. par.
{4} Mt 13,16.
{5} H. SCHWEBEL (Christusbild und Meditation"), in: Kunst und Kirche 4/74, 187.
{6} G. LANGE (Die Auslegung der Bibel durch Bilder"), in: Lebendige Katechese (1980).
{7} Ebd. G. LANGE, a.a.O. 48.
{8} Ein Beispiel solcher "Vermarktung" aus der klassischen profanen Kunst: die tausendfache Karikierung der "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci, benutzt genauso für Pfandbrief-Anleihe wie für einen Ferienplatz auf Ibiza.
{9} O. MAUER, Zur Problematik der Kunst und des Bildes als pastorales Problem, Referat auf der Kath. Akademie in Bayern, am 7. Oktober 1972 (Tonband-Nachschrift, Abdruck in: KUNST UND KIRCHE" 4/74 181 ff).
{10} G. LANGE, ebd. a.a.O., 48.
{11} Aus der großen Reihe solcher Verlage seien hier, stellvertretend für viele, genannt: Kunstverlag Maria Laach, die Verlage Ettal und Beuron. Kunstkarten des Rembrandt-Verlages, der Verlage Egger und Driewer. Die Verlage Burckhardthaus, Christophorus und nicht zuletzt die verschiedenen Angebote des Herder-Verlages (Freiburg).
{12} H. SCHADE, Und hinter tausend Bildern keine Welt, in: GEIST UND LEBEN (1975), 467-476.
{13} "Das Thema", hg. v. Arbeitsgemeinschaft Frauenseelsorge Bayern. Rochusstr. 5-7,8000 München 2.
{14} Nationalsekretariat der GCL, in: 8900 Augsburg, Sterngasse 3.
{15} G. ROMBOLD, Transzendenz in der modernen Kunst, in: Zeichen des Glaubens, Geist der Avantgarde (religiöse Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts), hg. v. W. SCHMIED, Stuttgart.
{16} Kol 1,15.

___________

 

Zum Bild des den "Rosenkranz betenden Mönches" im Kölner Dom
Hellwache Versunkenheit Kontemplativer Rosenkranz

Ave, Maria, gratia plena, Dominus tecum; benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, IESUS, Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Köln, Dom, Chorschrankenmalereien, Sylvesterlegende,N II, Feld 6-7
© Dombauarchiv Köln, Foto: Matz und Schenk

Das Bild aus den Chorschranken-Malereien des Kölner Domes zeigt die wohl älteste Darstellung eines Beters mit dem Rosenkranz. Diese Malerei über dem Chorgestühl gehört zu den umfangreichsten und qualitätvollsten Wandmalereien aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts im Raum nördlich der Alpen. Es war dies zur gleichen Zeit als Giotto in Italien seine großen Werke schuf - Über einer Sockelzone mit den Darstellungen der Kaiser und der Kölner Bischöfe erkennt man 7 Szenen in 7 Feldern. Die Felder sind jeweils einem Sitz des oberen zugeordnet. Sie sind "gerahmt" durch gemalte gotische Architekturblenden. Erst wenn man näher hinsieht, erkennt man die ganze Schönheit der Bilder, die in ihrer Qualität die großartigen Buchmalereien der gleichen Zeit erreichen. Uns interessiert hier nur das Feld mit den legendären Darstellungen aus dem Leben des Papstes Silvester.

Köln, Dom, Chorschrankenmalereien, Sylvesterlegende,N II, Feld 6-7
© Dombauarchiv Köln, Foto: Matz und Schenk

Über unserem Bild ist der Tod des Papstes Miltiades im Beisein seines Nachfolgers und anderer Bischöfe dargestellt. Darunter, in tiefer Trauer und doch sehr gesammelt, Beter, die einen "Rosenkranz" benützen. Die geschlossenen Augen des Mönches auf unserem Bild wollen hier nicht Müdigkeit und Schlaf signalisieren, sondern Aufmerksamkeit, Sammlung und tiefe Konzentration. Die sitzende, die Füße vor sich aufstellende Gestalt "hört" offensichtlich nach innen, läßt dabei ganz entspannt die bunten Perlen durch die Finger der rechten Hand gleiten. Zwischen mehreren jeweils weißen Perlen entdeckt man von Zeit zu Zeit eine rote. Während die linke Hand den Kopf des meditierenden Mönches stützt, liegt die rechte auf Schenkel und Knie, die schon gebeteten "Gesätzlein" einfach aus der Hand ins Leere fallen lassend....

Der Mönch schläft nicht, was man (nur) bei oberflächlichem Schauen vermuten könnte. Es ist die " hellwache Versunkenheit" des kontemplativ lebenden Menschen; was er "schaut", läßt sich mit den Augen des Leibes nicht sehen. Die Einkehr und das Hören in die Stille der eigenen Tiefe leben von einer über alles Faßbare hinausgehenden Wirklichkeit. Die affektive Gesammeltheit des Beters will eigentlich nur eines; bezeugen, daß Gott da ist. Er ist immer zugegen, ob wir ihn wahrnehmen oder nicht. Im Bild, so scheint es, hört der Beter etwas wie eine himmlische Musik. So ähnlich mag die "Musik" gewesen sein, die der Prophet Elia hörte (1 Kön 19); Im leisen, wortlosen Säuseln des Windes erfuhr der Prophet eine Gegenwart, die alles bisher Geläufige überstieg.

Solches Beten, in seinem "wachen Nicht-bei-sich-sein" murmelt Worte in einem immer gleichbleibenden Rhythmus. Der Rosenkranz, als Rhythmusgebet, ist immer wieder in Gefahr, in seiner Kostbarkeit verkannt zu werden. Häufig meinen wir, alles Beten müsse spontan sein, sollte eine eindeutige, intellektuell durchschaute und verantwortbare Bedeutung haben. Nicht nur das Jesus-Gebet des Ostens, auch der Rosenkranz als Jesus-Gebet des Westens, sind jedoch Wiederholungsgebete, Gebete, die intellektuell entlasten" wollen und somit auch Gebete, auf die wir nicht unbedingt eine verstehbare Antwort erhoffen.

Hierher gehört die tiefe Erfahrung eines genialen Schriftstellers unsrer Tage: "Gott lernst du nur kennen, wenn du dich in Gebete versenkst, auf die dir keine Antwort zuteil wird. Denn nur das, was dir außerhalb deiner verströmenden Tage gewährt wird, erfüllt dich mit einem Glück, bei dem du keine Abnutzung zu befürchten brauchst." 1

Keine Abnutzung zu befürchten! - Mechthild von Magdeburg (ca. 1207-1282), die große Visionärin, berichtet einmal, wie sie, vom göttlichen Licht überwältigt, "das fließende Licht der Gottheit" in großer Betroffenheit erlebt. Sie sagt da in einem "Gespräch" mit Christus von sich und ihrer Seele: "Im schönsten Licht ist sie blind in sich selbst, in der größten Blindheit, sieht sie wundervoll klar, in der größten Klarheit ist sie tot und lebendig." 2

Die Malereien waren jahrhundertelang - da sie dem Zeitgeschmack nicht entsprachen - abgedeckt und sind daher in ausgezeichnetem Zustand. Trotz der großen Bombenschäden am Kölner Dom während des zweiten Weltkrieges haben diese Wandmalereien alle Katastrophen überstanden, erzählen uns Heutigen von Glaube, Vertrauen und Hingabe an das göttliche Geheimnis, wie es unsre Vorfahren verstanden.

________

1 A. de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste. Düsseldorf 1957, 161.
2 Mechthild von Magdeburg, Das fließende Licht der Gottheit I, 22. Eingeführt von M. Schmidt. Einsiedeln, Zürich, Köln 1956, 65.

in Geist und Leben 80/6 (2007), S. 468469

________

 

Im Rhythmus Ruhe finden
Von der heilenden Wirkung des Rosenkranzes

Nicht erst seit vor 150 Jahren Maria dem Mädchen Bernadette Soubirous in Lourdes erschienen ist, beten Christen den Rosenkranz, die Geheimnisse des Lebens Jesu, nicht erst seit damals finden Menschen zur Ruhe, zur Sammlung und zu einer still wachsenden Erfahrung dessen, was Gottes Wille ist. Immer wieder haben Menschen gespürt, wie kostbar ein solches Rhythmusgebet im Alltag sein kann.

Eine "hellwache Versunkenheit"

Der Kölner Dom enthält, außer vielen anderen Kostbarkeiten, über dem Chorgestühl auch eine sehr alte Darstellung eines Mönches, der den Rosenkranz betet. Der Mönch hat zwar die Augen geschlossen, aber er schläft nicht. Nicht Müdigkeit ist hier gemeint, sondern Sammlung und tiefe Aufmerksamkeit. In der Hand hält der Mönch einen Rosenkranz, das wunderbare "Werkzeug seiner Sammlung", seines Hörens nach innen. Wir begegnen hier einer "hellwachen Versunkenheit" in die Stille der eigenen Tiefe, in eine Wirklichkeit, die über alles Fassbare hinausgeht: dass Gott da ist.

Solches Beten in seinem wachen Nicht-bei-sich-Sein murmelt Worte in einem immer gleichbleibenden Rhythmus (vgl. Ps 1,2). Diesen "Rhythmus" kann man in vielen Gemeinden bei gottesdienstlichen Feiern, Gott sei Dank, als ganz selbstverständliches Gebet noch immer antreffen (z. B. als Gebet für Verstorbene (Totenrosenkranz), bei allgemeinen Gefahren, für Priester- und Ordensnachwuchs u.Ä.m.) Der Rosenkranz als Rhythmusgebet ist aber leider auch immer wieder in Gefahr, in seiner Kostbarkeit verkannt zu werden. In den vergangenen Jahrzehnten wurde uns allzu oft glauben gemacht, alles wirkliche Gebet müsse jeweils spontan entstehen, solle immer kreativ sein, nur dann und nur so sei es glaubwürdig.

 

Glück jenseits allen Verstehens

Nicht nur das Jesus-Gebet des Ostens, auch der Rosenkranz als Jesus-Gebet des Westens sind Wiederholungsgebete, Gebete, die intellektuell "entlasten" wollen, sind somit auch Gebete, auf die wir nicht unbedingt eine verstehbare Antwort erhoffen sollten. Nicht alles lässt sich im Nachsinnen über Gottes Wege durchschauen, aber "dass der Mensch Freude hat an der Weisung des Herrn und über diese Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht" (Ps I), dies erfüllt den Menschen mit einem nicht berechenbaren inneren Frieden, jenseits allen Verstehens, einem "Glück, bei dem wir keine Abnutzung zu befürchten brauchen" (A. de S. Exupery).

Wie soll man den Rosenkranz betend verstehen? - Vielleicht so: als ein regelmäßiges Einüben in die Gegenwart Gottes, als kontemplatives Mit-Jesus-Sein, als Rhythmus, der alle Tätigkeiten des Tages durchpulst und durchatmet, als ein Gebet so einfach wie möglich oder als ein schlichtes und immer neues Zugehen auf Maria, an deren Hand und in deren Gegenwart wir zu Jesus gehen und mit Jesus den Vater erfahren. Jeden Tag neu und doch nicht als Pflichtübung!

Letztlich sind es nicht Denken und Wissen, die unsre Welt zu ändern vermögen, sondern das Gebet und das Verkosten der Geheimnisse unseres Glaubens von innen her.

__________

 

"Actio und Contemplatio"

von einem Spannungsverhältnis zwischen "Martha und Maria" -
Nachdenkliches, nicht nur weil es in der Bibel steht

So ähnlich, wie es "Spannungs-Beziehungen" zwischen Fruchtbarkeit und Leistung gibt, so ähnlich gibt es Spannungen (gesunde und ungesunde "Einseitigkeiten") zwischen der Vielzahl unsrer menschlichen Aktivitäten einerseits und einer immer notwendiger werdenden Nachdenklichkeit andererseits. Wie erleben wir diese Spannung in der gegenwärtigen Situation?

Eine ungesunde Einseitigkeit

Es gibt heute eine Fülle von Möglichkeiten, das eigene Leben auszudrücken, wie es sie bisher noch nie gab. Die vor uns und in der Bewältigung vieler Kräfte der Schöpfung liegenden Chancen sind immens, fast bis ins Unendliche gesteigert. Die Fülle des Wissens ist für den Einzelnen heute unüberschaubar geworden, damit auch die Fülle denkbarer Möglichkeiten, wie sich dieses Wissen verwirklichen läßt. Ähnliches ließe sich sagen von der Fülle technischer Möglichkeiten - Durch die "immer größere Beschleunigung" aller Vorgänge und Denk-Prozesse, mit denen wir täglich und stündlich in einer Flut von Informationen und Daten überschüttet werden, werden wir einerseits reicher, andererseits machen diese Informationen uns unfähig, alles so Angebotene gebührend aufzunehmen. - Eine andere ungesunde Erfahrung ist sicher der Verlust der Stille. Stille ist für viele Menschen gleichbedeutend mit Nichtstun, die Zeit einfach verstreichen zu lassen, sie "totzuschlagen", diese unausgefüllte Zeit als nutzlos und vertan zu betrachten. - -- Nicht immer haben Menschen das so empfunden. Friedrich Nietzsche meint einmal: "Wer einstens viel zu künden hat, muß lange stille sein. Wer einst den Blitz zu zünden hat, muß lange Wolke sein." Stille ist wie ein Kornspeicher in Zeiten der Not, ist wie ein Reservoir, aus dem die Wasser wirklichen Lebens auch dann fließen, wenn wir uns ausgetrocknet, müde und leer erfahren. In der Stille zu hören - wie wichtig und hilfreich wäre das in einer Zeit überbordender Geschwätzigkeit, in der wir vom bloßen "Gerede" fast zugeschüttet werden.

Viele reagieren auf diese Phänomene mit Flucht sie ziehen sich ins Private zurück, meiden Konflikte und Kämpfe, nehmen Zuflucht in eine falsche Stille, die sie nichts kostet: Abgeschiedenheit, Desinteresse, resignatives Verhalten, Gleichgültigkeit, Verzicht auf jede Stellungnahme.

Es gibt ein gesundes " Sowohl - als auch", eine gesunde Spannung zwischen beiden Fähigkeiten und Lebensformen, der "Actio und der Contemplatio". Leider ist der Konflikt zwischen dem Weltdienst, der im allgemeinen der Martha im Evangelium zugeordnet wurde, und dem Dienst, wenn jemand sich in seinem Leben "göttlichen Dingen" zuwendet (dies wurde eher der Maria im Evangelium eingeräumt), in einer gewissen Weise bis heute ungelöst geblieben. Man konnte (und kann) sich einfach nicht vorstellen, daß jemand, obwohl er mitten im Durcheinander und Lärm dieser Zeit lebt, trotzdem mehr und mehr zu einem Menschen werden kann, der " in allem, was er tut", die Nähe und Zuwendung Gottes erfährt. Man bleibt da lieber (und dies zum Teil bis in unsre Zeit hinein) bei einer unterschiedlichen Wertung: das klösterlich-kontemplative Leben sei in jedem Falle besser, höherstehend und wertvoller; es bringe natürlich auch Gott näher als eine Lebensform, bei der die Arbeit, bei der politische Geschäfte und das Leben in seiner oft bedrängenden Art in der Mitte menschlicher Bemühung stehe.

Auch in unserer Zeit gibt es viele Menschen und Christen, in deren Bewußtsein Gebet und Arbeit auseinandertriften, so, daß sie fast ständig "mit einem schlechten Gewissen leben, weil sie den Eindruck haben, sie nähmen sich zu wenig Zeit für Gott" (Stefan Hofer) -

Ignatius von Loyola sagt einmal, 24 Stunden Gebetszeit pro Tag würden nicht ausreichen, wenn jemand in solcher Geteiltheit bleibe und lebe, wenn er also in der Unruhe nicht die Ruhe, im Geschäft nicht die Kontemplation entdecken lerne. In einem berühmt gewordenen Brief an Franz Borja, der nicht nur als Herzog von Gandia in Spanien, sondern auch später als Mitglied der Gesellschaft Jesu intensive und stundenlange Gebetszeiten für sich suchte, schreibt der heilige Ignatius: "Deshalb möchte ich es für besser halten..., wenn sie die Hälfte der Gebetszeit für das Studium.... auf die Staatsgeschäfte oder für geistliche Gespräche verwenden.... Denn ohne Zweifel ist mehr Tugend und Gnade darin, sich seines Herrn bei verschiedenen Aufgaben und an verschiedenen Orten freuen zu können, als eben nur an einem." - Sicherlich ein ungewöhnlicher Rat durch einen Heiligen: "Beten Sie weniger!" d.h. suchen Sie Gott und seine Nähe nicht nur in der selbstgewählten Stille und Abgeschiedenheit - so unverzichtbar diese natürlich bleiben - suchen Sie Gott so, daß die Aufmerksamkeit des Herzens für Gottes Dasein immer und überall (!) möglich ist. Lieben Sie Gott in jedem Augenblick, dann wird sich die Erfahrung seiner Nähe ausweiten auf alles Tun, auf alle von Ihnen besuchten Orte und Plätze, auf alle, auch die ausgefallensten Situationen..-..

"In actione contemplativus" - diese geistliche Maxime ist in ihrer idealen Verwirklichung sicherlich nicht leicht zu leben, aber sie ist die vielleicht einzige Chance, unsere Liebe zu Gott und unsere Hinwendung zum Nächsten nicht auseinanderbrechen zu lassen.

Christus bei Maria und Martha. Jan Vermeer, 1654

Auf dem beigefügten Bild, einer Darstellung des niederländischen Malers Jan Vermeer van Delft aus dem Jahre 1654 scheint der Konflikt in großartige Weise gelöst zu sein. Nicht Polarisierung der verschiedenen Lebenswirklichkeiten, sondern Zusammenführung! "Jesus bei Maria und Martha": Maria sitzt zu Füßen des Herrn, schaut, durch nichts abgelenkt, intensiv auf die vor ihr sitzende Gestalt Jesu. Martha ist dargestellt, wie sie eben im Begriffe ist, an den Tisch zu treten, um den Brotkorb abzusetzen. Dabei schaut sie ebenfalls auf den, den sie "bedient".

In der Gestalt Jesu wird deutlich, daß die Person des Herrn die "Lösung" des in der Bibel beschriebenen Konfliktes ist: Mit dem Kopfe ist Jesus der handelnden Martha zugewandt, läßt sich von ihr ansprechen und bedienen, schenkt ihr voll seine Aufmerksamkeit. In seiner Sitzhaltung und in der entspannten Gebärde der Hand wandelt sich diese Haltung gleichzeitig, wird abgewandelt. Alle Aufmerksamkeit gilt auch der Maria, gleichzeitig. Durch Auge und Gebärde des Herrn, in der ganzen so präsentierten Lebendigkeit Jesu, geschieht Verbindung und Vereinigung von beiden und beidem.

"Die Mystik des Werktags und die Mystik des Sonntags gehören zusammen" (Willi Lambert)

___________

 

Alltag - Spur unseres Lebens

Gewohnheiten sind eine Spur unseres Lebens

Unsere Gewohnheiten sind gewohnheitsmäßige Verhaltens- und Handlungsweisen, so sehr, daß sie uns kaum noch weiteres Nachdenken abverlangen. Sie prägen täglich unser Leben und unser Verhalten, ob wir darüber nachdenken oder nicht. Zeitlebens haben wir es mit dem "Gewöhnen" schon zu tun gehabt, ob es nun um das Abgewöhnen oder Angewöhnen ging. Der Säugling wird der Mutterbrust ent-wöhnt, wir gewöhnten uns später an den Rhythmus von Essenszeiten, festen Schlafenszeiten, Arbeitszeiten. Das Gewöhnen und die Gewohnheiten spielen bei allen Menschen eine wichtige, unübersehbare Rolle. Manche Gewohnheit ist für uns wie zu einem Haus geworden, in dem wir uns ein-gewohnt haben. (Wer es z.B. gewöhnt war viel und regelmäßig zu rauchen, der weiß, wie schwer es ist, sich diese Gewohnheit wieder ab-zugewöhnen. Mit Alkohol, dessen regelmäßige Einnahme jemand gewohnt ist, machen wir die gleiche Erfahrung. Ganz gleich, ob es sich um sogenannte gute oder schlechte Gewohnheiten handelt, es ist in den meisten Fällen schwer, sich von ihnen zu lösen, sie aufzugeben. Dies trifft auch noch zu, unabhängig davon, ob sie unsere Gesundheit oder unseren Ruf schädigen.

 

Die "Macht der Gewohnheit"

Das Wort "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" ist zwar kein schönes Wort, aber es trifft etwas Richtiges: durch Drill und Dressur kann man nicht nur bei Tieren eine bestimmte Verhaltensweise erreichen, auch auf dem Kasernenhof gibt es einen "Drill", vielleicht lassen sich auch Menschen dann und wann zähmen?? "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" könnte bedeuten, daß es ihm fast unüberwindbar schwer vorkommt, bestimmte eingeübte Regelmäßigkeiten zu lassen, Gewohnheiten aufzugeben. Für manche Menschen bedeutet es (vermutlich) schon eine Katastrophe, wenn ihnen heute zugemutet wird, während der Ferien in einem Zimmer ohne fließendes Wasser oder nur mit kaltem Wasser zu leben. Andere fühlen sich nur als "halbe Menschen", wenn sie kein Auto, keinen Fernseher oder kein Handy haben. "Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, daß ich ohne diese Dinge nicht mehr sein kann."

Andererseits muß man sagen, daß Gewohnheiten auch lebensnotwendig sind. Sie geben Sicherheit, beruhigen, geben Halt - und sie entlasten. Das, was wir "gewohnt" tun, entbindet uns davon, uns bei allen möglichen Lebensvollzügen und Handlungen jeweils neu entscheiden zu müssen. Wahrscheinlich wären wir damit hoffnungslos überfordert. Sie entlasten uns von einem ständig neuen Ausprobieren, Experimentieren und Herumsuchen. Nicht alles im Menschenleben verlangt eine jeweils neue Entscheidung, kann es auch nicht verlangen! Aus guten Erfahrungen lassen sich für die Zukunft Regelmäßigkeiten entdecken, oft pflegen wir solche Erfahrungen dann eher unbewußt einzuüben ... So wird es zu einer Gewohnheit.

 

Die "Last der Gewohnheit"

Gewohnheiten sind lebensnotwendig, sie können auch eine Fessel werden, können blockieren und werden somit irgendwann schaden. Jeder von uns kennt gute und schlechte Gewohnheiten. Auch wenn wir uns die sogenannten schlechten abgewöhnt haben, so bleibt doch die Frage, ob nicht auch die guten zur Fessel werden können. "Dat war schon immer so jewesen...." Eine solche Mentalität kann eine schon längst fällig gewesene Veränderung blockieren oder verhindern, kann sich hemmend oder lähmend für einen Einzelnen oder für eine Gruppe, eine ganze Gesellschaft, auswirken. Ja, man kann in den sogenannten guten Gewohnheiten auch ersticken, wenn die "Luftzufuhr für einen Neuanfang" verbaut, verhindert, unmöglich gemacht wird. Als Beispiel: die guten oder besten Gewohnheiten für kleine Kinder, die - weil sie die Gefahren eines heißen Ofens nicht einschätzen können - mit Abschreckungsmanövern immer wieder reglementiert werden, nicht zu nahe an den gefährlichen Ofen heranzugehen - mit dieser Gewohnheit kann ich als erwachsener Mensch anders umgehen. Nicht jede gute Gewohnheit muß für alle Zeiten gut sein.

Stellen wir uns einige Fragen:
Was brauche ich (brauchen wir) heute nicht mehr?
Welche Vorsicht, die mir (uns) zur Gewohnheit wurde, kann ich fallen lassen?
Welche gewohnheitsmäßige Beziehung, die mich und andere langweilt, bindet meine Kraft und Zeit unnötig?
Welche längst gewohnte Tageseinteilung müßte ich verändern, um für Wichtigeres Zeit zu finden?

Beim Überprüfen meiner (unserer) Gewohnheiten bedenke ich 2 wichtige Sätze:
"Prüft alles Das Gute aber behaltet!" (1 Thess. 5,21)
"Wandelt euch durch ein neues Denken!" (Röm. 12,2)

 

__________

 

Meditation und Kult

Kult wird in der Religionsgeschichte als ein Feiern verstanden, in dem der Gottheit gehuldigt wird, wo die Gemeinde, die sich dazu versammelt hat, ihren Dank Gott gegenüber zum Ausdruck bringt und in der Zusage von Heil durch den angerufenen Gott sich als beschenkt erfährt. Kult ist somit auch ein "Kräftesammeln im Glauben" (Pesch), ist Nähe Gottes für den von mancherlei Unheil gefährdeten Menschen. Das Wort hat seinen Ursprung im lateinischen ,colere', ursprünglich in der Bedeutung von etwas pflegen, bebauen, einen Acker bestellen, damit er Frucht trägt; dann auch in der Bedeutung von verehren, huldigen und anbeten.

Religionsgeschichtlich und theologiegeschichtlich läßt sich, beginnend bei der biblischen Terminologie (das Neue Testament allein kennt mehr als dreißig verschiedene Ausdrücke für bestimmte kultische Akte, die zum großen Teil aus dem Hellenismus und der "Septuaginta" stammen und meist für heidnische und jüdische Kulte gebraucht werden), eine Vielzahl und darum auch Vieldeutigkeit kultischer Ausdrücke feststellen, deren Phänomene nur sehr schwer zusammenzufassen sind. Für den christlichen Kult und die ihm zugrunde liegenden Haltungen stehen in erster Linie Begriffe, die eine religiöse Scheu vor dem Heiligen und Numinosen ausdrücken, Haltungen wie die pietas (Frömmigkeit) und der timor Dei (Gottesfurcht), schließlich auch die "religio" überhaupt, die Tugend der Gottesverehrung, die Haltung, die bereit ist, "Gott wegen seiner unendlichen Erhabenheit und Heiligkeit zu ehren und die eigene unbedingte Abhängigkeit durch Unterwerfung unter ihn anzuerkennen" (Lengeling). Wenn schon religionsgeschichtlich gilt, daß Kult "Reaktion auf religiöse Erfahrung", "Streben nach Antwort auf das personhafte erlebte Heilige" (Lanczkowski) ist, so erst recht der übernatürliche, vor allem der christliche Kult, der nicht bloß eine ethische Neufassung alttestamentlicher Handlungsweise vor Gott meint, sondern der sich ganz ausrichtet auf den erhöhten, auf den kommenden Herrn. Christlicher Kult "setzt die Selbstmitteilung Gottes in Wort und Werk voraus, ist responsorisch" {1}. Bei der Ausübung des religiösen Kultes, der sich in seiner religiösen Grundabsicht wesentlich auf Gott, den schlechthin Heiligen und Anzubetenden, richtet, bedarf es der Begegnung. Der Begegnung, die Heil ansagt und Heil stiftet. Gott naht und erschließt sich dem Menschen, der vor ihm und zu seinem Lob versammelten Gemeinde. Diese Ankunft Gottes (Advent) wird andererseits von der Gemeinde erfahren als rettendes Kommen, als wahre "Epiphanie". Und wenn nun die glaubende Gemeinde in einem festgelegten Kanon von Worten und begleitenden Handlungen so in diese heilbringende Begegnung mit Gott hineingenommen wird, wenn sie das Erscheinen der göttlichen Macht in den gottesdienstlichen Zeichen feiert, dann wird dieses heilige Feiern zur Sinnmitte ihrer ganzen kultischen Verehrung. Es liegt nicht im Ermessen der Gemeinde, die Stiftung, in der Gott sein Kommen zugesagt hat, von sich aus zu verändern, es liegt (erst recht) nicht in ihrer Möglichkeit, über die Huld Gottes und ihr Erscheinen zu "verfügen". Anders würde solches Tun in die Nähe von Magie geraten, würde mit Magie identisch sein.

Dennoch wissen viele Religionen von einer Vergegenwärtigung der Heilsereignisse (z. B. in Waschung, Entsühnung, Heiligung), in denen die Gottheit mit ihrer Macht in die Geschichte einbricht. Der ferne Gott, den der Mensch nur fürchten konnte, wird zum nahen Gott. Für das alttestamentliche Bundesvolk wird Gott in den Heilsereignissen der eigenen Geschichte erlebbar und somit auch erfahrbar.

In der Person Jesu Christi ist die bisherige Kultordnung zu ihrem Ende gebracht und überholt worden. Im Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,5-26) macht Jesus deutlich, daß mit seinem Kommen die entscheidende Hinwendung zum eigentlichen "Gottesdienst" geschehen ist. In Zukunft bedarf es nun nicht mehr bestimmter örtlicher oder nationaler Kultvorschriften, um Gott wahrhaft zu ehren und ihm zu huldigen. Ort der Begegnung ist jetzt nicht mehr der Tempel zu Jerusalem, auch nicht Kult und Tempel auf dem Garizim. Christus allein ermöglicht den Zugang zum Vater, er ist die von Gott gesetzte heilsgeschichtliche Stunde, in gleicher Weise bedeutsam für Juden wie für Heiden. "Die Stunde kommt, und jetzt ist sie da, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten, denn der Vater sucht solche Anbeter" (Joh 4,23). In seiner Person sind alle Vorläufigkeiten an ihre Endgültigkeit gelangt. Die Bindung an ihn geschieht jedoch nicht mehr in kultischen Formeln, wie sie bisher galten, sondern sie findet ihren Ausdruck in der an ihn glaubenden Jüngergemeinde, in der Gemeinschaft, die vom Heiligen Geist erfüllt ist und bereit ist, sich durchdringen zu lassen (vgl. i Kor 3,16).

Wenn also Kult aus sich heraus verlangt, sichtbar und greifbar zu werden in festgelegten Worten und Handlungen, wenn wir ihn verstehen als huldigendes Feiern des sich erbarmenden Gottes, vor den die glaubende Gemeinde hintritt und mit dem sie Begegnung haben darf, dann ist Meditation jene geistliche Erfahrung, daß dieser geglaubte Gott größer ist als alle unsere Zeichen und Worte. Im Wort und im Zeichen wird Gott angerufen, wird in diesen Zeichen und der Verkündigung lebendig. Aber wir wissen auch, daß das "Formulierte" größer ist als jede Formulierung, daß sich das ausgesagte Geheimnis (so richtig es sein mag, was da erfaßt wurde) letztlich jeder Aussage entzieht. Wenn Petrus in seinem 2. Brief schreibt "durch die Kraft Gottes sind uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt worden, damit ihr durch sie der göttlichen Natur teilhaftig würdet ..." (2 Petr 1,4), dann ist hier in der Erhebung des Menschen durch den Geist an das Geheimnis unserer Teilnahme am göttlichen Leben gerührt. Das bedeutet aber auch, daß dies Geheimnis nie "erklärt" werden kann, sondern unerklärbar bleibt, daß es nur offen sein kann, offenes Geheimnis nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts, nicht nach unten, sondern nach oben. Diese Offenheit ist zwar konstitutiv für jedes menschliche Leben, sie wird auch nie ganz und endgültig von uns einholbar sein, aber der Meditierende entspricht dieser Fähigkeit und seiner eigenen Anlage, er erfährt sich - im Maße seines persönlichen Disponiertseins - als beschenkt und verwandelt. - Im Kult wird das Geheimnis aussprechbar, es ist das ins Zeitliche getragene Ereignis des göttlichen Wortes und seiner Zeichen. In der Meditation wird die Tiefe des Seins, das Geheimnis, in dem wir gründen, vom Menschen ganzheitlich erfahren. Diese Erfahrung ist anders als die Begegnung mit dem heiligen Gott, den die gottesdienstliche Feier vermittelt. Dem geglaubten und angebeteten Gott steht der Gott gegenüber (besser: die Erfahrung Gottes gegenüber), der betroffen und erschüttert macht.

 

Meditation und Kultfähigkeit

Kultfähigkeit - das Wort setzt voraus, daß die im Kult sich sammelnde und feiernde Gemeinde Voraussetzungen verlangt, die nicht selbstverständlich sind. Solche Fähigkeiten bedürfen einer emotionalen und glaubensmäßigen Reife, die es erst möglich macht, an dem "huldigenden Feiern" teilzunehmen. Wenn die ursprüngliche Bedeutung von Kult meint: "den Boden bebauen, damit dieser Boden Frucht bringt", Kultur also "Bebautes" bedeutet, dann stoßen wir heute sicherlich auf vielerlei Ausfallserscheinungen, Verkümmerungen eines wesentlichen Glaubensvorfeldes. Wir entdecken große Flächen Landes, die nicht oder nicht mehr "bebaut" sind, die sich aber vom Meditativen her durchaus aufschließen ließen. Weil Offenheit für kultisches Feiern für viele, vor allem jüngere Leute heute schwieriger geworden zu sein scheint, andererseits ein vermehrtes Suchen nach Gestalt und Form geistlicher Lebensvollzüge durchaus vorhanden ist, könnte eine Haltung geistlichen Hörens und inneren Vernehmens hier ein Brücke bilden zu neuer Gläubigkeit. Vermutlich sind viele der jüngeren Generation heute eher meditationswillig als kultfähig. "Gottes-Dienst" - insbesondere mit der bei uns immer größer werdenden Gefahr einer "Verwortung" aller möglichen Anlässe - setzt auch intentional eine größere Bereitwilligkeit voraus, Formen und Gestalt geistlicher Verkündigung in das eigene Leben hineinzunehmen. Sicherlich gibt es auch Anfangsformen des Kultes und aller geistlichen Feier. Doch ist es eigentlich immer schon Glaube, der sowohl im Wort als auch im Zeichen (Sakrament) angefragt wird, vorgegebener Glaube, ein Stück ausdrücklichen Glaubens. "Scio, cui credidi - ich weiß, wem ich geglaubt habe." Im Mittelpunkt des Kultes steht der geglaubte Gott, dessen herrliche Heilstaten wir feiern. In der Mitte der Meditation - näherhin der christlichen Meditation - steht die Begegnung mit dem geheimnisvollen Grund des eigenen Lebens, steht eine Erfahrung mit dem "Tiefengrund" des eigenen Daseins und allen Seins. Vielleicht wird es dem Meditierenden, je häufiger er, sich einlassend, öffnet und nach diesem Grund fragt, umso deutlicher bewußt, daß "niemand einen anderen Grund setzen kann als den, der gesetzt ist, nämlich Christus Jesus" (1 Kor 3,11). Hier schiene mir der so Meditierende an der Schwelle eines ausdrücklichen Glaubens an einen persönlichen Gott angelangt.

Daß auch christliche Meditation und Kontemplation auf Mißverständnisse stoßen, die uns die Zugänge verbauen, darauf macht J. Neuner, einer der besten Kenner östlicher und westlicher Spiritualität, einmal aufmerksam: "Wir haben die Wahrheit, die Garantie, daß Gottes Wort bei der Kirche bleiben wird bis ans Ende der Zeiten. Wir lernen wohl die Lehrsätze unseres Glaubens, wir wissen auch wohl um. die Verpflichtungen, die sich aus dem Glauben ergeben; wir haben also ein Lehrsystem und eine christliche Moral, und wir wissen wohl, wie wichtig dies ist. - Aber ist nicht das Wort mehr als jedes Lehrsystem? Und bedeutet nicht der Anruf Gottes an den Menschen immer etwas Besonderes, das sich nicht in allgemein gültige Formeln zwängen läßt? Muß nicht der Geist über Lehrformeln und Gebote hinaus aus dem Wort Gottes leben, das ihn in jeder seiner Situationen konkret anspricht. Was wir mit dem Ohr hören, ist immer nur die Stimme, was wir mit dem Verstand begreifen, ist immer nur der Begriff. Beide sind nur das Medium, durch das das Wort selbst zu uns kommt, jenseits der Laute und Begriffe. Die Stimme dringt zu uns nur, um das Wort in unserm Herzen zu wecken, und 'wenn das Wort wächst, dann schwindet die Stimme (Augustinus). Dies ist christliche Kontemplation." {2}

Es scheint, daß es leichter ist, von persönlich gemachter Erfahrung her zu kommen als von der schon durch Formen, Riten und gottesdienstliche Handlungen geprägten Gestalt des religiösen Kultes. Wir dürfen darin für heute sogar eine gewisse Chance sehen: Wer sich auf die Erfahrung (ähnlich wie es die samaritanische Frau getan hat) einlassen kann, daß er "erkannt" ist, der wird am Ende seines Suchens vielleicht auch hören dürfen: "Ich bin's, der mit dir spricht" (Joh 4,26), "ich bin's, der die ganze Zeit deines Lebens schon bei dir war, der mit dir geredet und den du, ohne ihn eigentlich zu kennen, dennoch schon verehrt hast. Aber jetzt sollst du es erfahren." Es ist die Theophanie Gottes, der sich kundtut, nachdem der Mensch nach dem Sinn seines Lebens und aller Anbetungsmöglichkeit gefragt hat.

____

{1} E. J. Lengeling, Kult, in: H. Fries (Hrsg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe I, München 1962, S. 875.
{2} J. Neuner, östliche und christliche Meditation, in: Geist und Leben 47 (1974) 416.

 

_______

Ein Eroberer ohne Waffen - Franz Xaver

Mission und missionarische Arbeit stellen sich heute sicher anders dar als zu Zeiten des heiligen Franz Xaver. Es ist ohne Zweifel Auftrag Jesu und auch seiner Kirche, die einzigartige Botschaft von der Erlösung allen Menschen weiterzugeben.

Die persönliche Begegnung mit den Menschen anderer Kulturen und Religionen muss heute den weiten Raum der Medien finden. Mehr und mehr lernt auch die Kirche heute, sich in einer weltweiten Kommunikation immer stärker zu akzentuieren.

Ohne Beziehung gibt es keine wirkliche Begegnung. Was wir in der so genannten Absichtslosigkeit einer heutigen Dialogkultur leider zu oft vergessen haben - und vom heiligen Franz Xaver lernen könnten -, könnte meines Erachtens darin bestehen, von der Schönheit unseres eigenen Glaubens glaubwürdig Zeugnis zu geben.

In: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 47/2006, S. 40

_______

 

Erste Schritte - Gedanken zu einem Gemälde von Vincent van Gogh

in: Josef Bill, Und er stellte ein Kind in die Mitte.
Der Lebenskompass Jesu, Seite 11-13

Vincent van Gogh, Erste Schritte
Metropolitan Museum of Art, New York

Ein in leuchtenden Farben gemaltes Bild, eine junge Familie, eine ländliche Idylle. In einem umfriedeten Garten hinter dem Wohnhaus ist eine junge Frau mit ihrem Kleinkind gerade durch das Gatter getreten, führt das Kind dem überrascht-beglückten Vater entgegen.

Ein erster Eindruck, den man haben kann: ein Kind, das nur kleine, sehr kleine Schritte tun kann; ein Kind, von der Mutter geführt, vom Vater freudig erwartet. Überall hilfreiche und sprechende Hände! Auch das Kind streckt seine kleinen Hände aus, sieht den Vater - und kann plötzlich nur noch eines: in dessen ausgebreitete und einladende Hände hineinlaufen.

Vieles ist hier angedeutet: Nähe suchen - Geborgenheit erfahren - willkommen geheißen werden - gehalten sein - kleine Schritte tun auf jemanden zu, der uns erwartet. Die Eltern haben und nehmen sich Zeit. Wichtige Zeit. Weil es das Kind gibt, weil ein Kind Zeit braucht. Der Vater hat seine Schaufel beiseitegelegt, ist in die Hocke gegangen und hat sich für das kleine Kind klein gemacht. Vielleicht hört das Kind zum ersten Mal den Lockruf "Komm!". Vielleicht helfen die Hände der jungen Mutter dem Kind zu begreifen, was ihm ermunternd gesagt wird: "Geh!" Und so geschieht es: Das Kind macht erste Schritte. Es "weiß" nicht, dass es Schritte macht, aber es sieht und erlebt Arme, die es willkommen heißen. Im Vertrauen auf diese einladenden Arme kann das Kind etwas, was es vorher nicht konnte: Schritte tun, weil es erwartet ist. Es beginnt auf ein "Du" zuzugehen, das es unendlich gut mit ihm meint.

Ein Familien-Idyll? Ja, vielleicht - aber vielleicht auch mehr. Nicht zufällig spielen in dem Bild, das van Gogh "Erste Schritte" genannt hat, Arme und Hände der Eltern eine entscheidende Rolle: die weit ausgebreiteten Arme des Vaters, die Stütze und Halt gebenden Hände der Mutter, die das Kind zwar führen, ihm aber gleichzeitig zutrauen, die wichtige Freiheit für die ersten eigenen Schritte auszuprobieren. Halt geben - und doch die selbst gewählten Schritte ermöglichen helfen. Das Kind selbst: In einem noch ungebrochenen Vertrauen ahnt der kleine Mensch, dass da jemand ist, dem er sich überlassen kann. Und das genügt, um aufzubrechen, sich anzuvertrauen, ja sich auszuliefern.

Es bedarf nur eines aufmerksamen Blickes in die Bibel, um dort an unzähligen Stellen, in ganz verschiedenen Situationen, so z.B. in vielen Psalmen, die starken Hände eines Vaters und die beschützend-sorgenden Hände der Mutter gleichnishaft für die Liebe Gottes zu uns Menschen zu entdecken. Ohne diese Hände gäbe es keine Schritte; alle Versuche aufzubrechen würden rasch in Stürzen enden. Doch so bleibt der Mensch gehalten und geführt, er bleibt eingeladen zu einem Ziel, das ihm Zuflucht und Zärtlichkeit für ein ganzes Leben schenken will: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände" (Jes 49,15-16).

In einem Gedicht-Text hat der evangelische Pfarrer und Schriftsteller Albrecht Goes eine ähnliche Erfahrung im Umgang mit den eigenen Kindern beschrieben, wie sie Vincent van Gogh uns in seinem Bild vermittelt hat. Es heißt: Die Schritte.

 

Die Schritte

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,
Klein wird dein letzter sein.
Den ersten gehn Vater und Mutter mit,
Den letzten gehst du allein.

Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
Viel Schritte unbewacht,
Wer weiß, was das dann für Schritte sind
Im Licht und in der Nacht?

Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt,
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
Wieder beisammen sein.

Albrecht Goes

 

_______

 

Die Fußwaschung


Purpurkodex von Rossano (Syrien, 550 n. Chr.)

"Darum stand er vom Mahle auf ... goß Wasser in ein Becken und schickte sich an, seinen Jüngern die Füße zu waschen ..." (Joh. 13,4-5)

Welche Provokation für alle menschlichen Sinne! Der Herr verhält sich wie der Knecht. Das Mißverständnis wird geradezu herausgefordert: nur der, der nichts bedeutet, dessen Person ohne Ansehen und Rang, nur der muß sich beugen. Die Jünger können die "Vermischung" von Göttlichem und Menschlichem einfach nicht begreifen, sie ist ihnen zu schwer. Petrus wehrt ab. Er ahnt nicht, wie sehr er damit einverstanden sein muß, sich von seinem Herrn beschenken zu lassen, um an ihm Anteil zu haben.

Ganz tief bückt sich Jesus hinunter, so tief, als wolle er in der schmutzigen Wanne noch ein Geheimnis entdecken. Was mag der Herr den Jüngern sagen wollen? - Das Geheimnis Jesu liegt "unten". Nicht zufällig hat der Künstler dem Kleid Jesu die gleichen Farben gegeben wie dem Nimbus um sein Haupt und der Wanne auf der Erde. Dort, wo der Herr den Jüngern die schmutzigen Füße wäscht, leuchtet etwas auf von der Helligkeit seines Lebens. Es ist, als ob das schmutzige Wasser noch durchsichtig werden solle, weil einer die Finger hineintaucht, der seine Menschenbrüder bis zum Äußersten liebt.

Nach Jesu Menschwerdung liegt das Geheimnis seines u n d unseres Lebens immer unten. Wer das Gold entdecken will, muß den Schmutz berühren. Nur wer sich bücken kann, lernt es finden.

"Versteht ihr, was ich euch getan habe? ... Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, ist es auch eure Pflicht, einander die Füße zu waschen. Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie ich euch getan habe." (Joh. 13, 12-15)

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'

top