Josef Bill

Von der Kostbarkeit des Alters
Das Alter als Lebensphase {1}

in Geist und Leben 2003, S. 224-233

Über das Alter, das Älter-Werden, positiv zu sprechen ist nicht leicht. Die meisten Zeitgenossen hören heute viel lieber etwas über das Jung-Sein, über Anstrengungen, jung zu bleiben, vielleicht sogar über Versuche, wieder jünger zu werden, wenigstens jünger zu wirken. Beim Durchblättern so mancher Illustrierten stößt man beinahe auf jeder 3. bis 4. Seite auf moderne Wellness-Angebote. Willkürlich eine solche Illustrierte aufgeschlagen, liest man da: " Wellness liegt voll im Trend" oder "Ein neues Bewusstsein durch Wellness schaffen" oder " Wellness und im Folgetrend Forever young", "Frohmedizin und Gesundheits-Trendsetter stellen hohe Anforderungen", oder "Wir für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden", u.s.w.

Das liest sich leicht. Natürlich haben diese Anstrengungen und Mühen um eine stabile Gesundheit ihre gute und wichtige Seite. Aber bisweilen erweckt der heutige Trend, um jeden Preis jung, fit und vital, dynamisch, energieerfüllt und bioorientiert sein zu wollen, den Eindruck einer Ideologie. Das Jung- und Fit-Sein wird nicht mehr nur als Wert gehandelt, sondern nahezu als alleiniger Wert, ja als Lebensziel ausgegeben. Die meisten sind da in gewisser Weise für die Werte, die so angepriesen werden, durchaus ansprechbar: "0, Herr Schmitz, oder, Frau Meier, Sie sehen aber mindestens 10 Jahre jünger aus!" Das tut den meisten derjenigen, denen man solche Komplimente anträgt, außerordentlich gut. "Älter-werden" möchte schließlich jeder, "alt-sein" keiner oder kaum einer. Hinter vielen Formen eines modernen "Wellness-Kultes", einer Vergöttlichung der jungen Haut und des jung wirkenden Leibes, steht häufig die Angst, dann, wenn wir älter oder alt geworden sind, nicht mehr zu zählen, nichts mehr zu gelten, nichts mehr zu sein. Die Angst, wenn eine gewisse sportliche Attraktivität, eine Ausstrahlung von Fitness und Dynamik nicht mehr da seien, könnten wir vielleicht nicht mehr anziehend wirken, hörten dann auch bald auf, wirklich anziehend zu sein, diese Angst beherrscht insgeheim viele von uns. Der für absolut gehaltene Wert "Gesundheit" (bzw. Wohlbefinden) zeigt sich bis hin in Wünsche oder Grüße, mit denen wir uns verabschieden: Bleib' gesund! oder Hauptsache: gesund bleiben! Solche Redewendungen machen deutlich, wie unsere Zeit die Werte setzt, was den meisten von uns vor allem anderen wichtig ist.

I. Zur Situation

Gleichzeitig können wir nicht übersehen, dass unsere westliche Zivilisation und der Großteil ihrer Bevölkerung überaltert ist. Einerseits sind die Lebenserwartungen in den vergangenen Jahren außerordentlich gestiegen, für Männer im Schnitt auf etwa 75 Jahre, für Frauen im Schnitt bei 79 oder sogar 80 Jahren, - andererseits haben die heutigen Ehen, ebenfalls im Durchschnitt, nur noch 1,5 Kinder, dies vorwiegend in Mitteleuropa, zumal in Deutschland. Epidemien, wie wir sie früher in ihren verheerenden Auswirkungen kannten, (Cholera, Ruhr, Pest oder Tuberkulose) sind nahezu ausgerottet - sieht man von der Immunschwäche Aids einmal ab. Die Kindersterblichkeit hat mit Hilfe medizinischer Vorsorge und begleitender Hilfe nahezu die Null-Marke erreicht. Gleichzeitig wachsen die sogenannten jungen Völker rasch, nimmt die Weltbevölkerung insgesamt aus oben genannten Gründen ständig zu, nähert sich im Augenblick der Marke von 7 Milliarden Menschen.

Zur Situation in den Orden

In den meisten Orden Westeuropas, besonders in den "Apostolischen Gemeinschaften" und in den Gründungen des 19. Jahrhunderts ist die Struktur alter Menschen ähnlich wie in der übrigen Bevölkerung. Vielfach liegt das Durchschnittsalter um 65 Jahre, manchmal darüber, seltener darunter. So wie es aussieht, muss man befürchten, dass eine Reihe geistlicher Gemeinschaften in Kürze in eine Existenzkrise geraten wird, ja aussterben könnte. Zusammenlegungen, Straffung, Aufgeben liebgewordener Arbeiten und das Schließen von Häusern und Schulen, die z.T. 200-300 Jahre in geistlicher Trägerschaft waren, all dies ist zu einer fast normalen Situation geworden. Solches zu sehen, zuzugeben und Konsequenzen daraus zu ziehen, schmerzt alle Betroffenen, lässt viele resigniert zurück. Geistliche Berufe, so wie wir den Begriff früher verstanden, also eher im engeren Sinne, kamen meist aus intakten Familienverhältnissen. Das ist im gleichen Maße heute nicht mehr der Fall. Zudem entsteht der Eindruck, dass bei den Kandidatinnen und Kandidaten, die noch kommen, auch die psychische und spirituelle Belastbarkeit geringer geworden ist als früher. So z.B. die Fähigkeit zum Alleinsein, der Umgang und das Durchtragen von Belastungen, Konflikten und Verwundungen. Manche der Kandidatinnen und Kandidaten suchen auch nur ein "Nest", wo es warm ist und sie sich gut aufgehoben glauben. Wie gesagt: das sind Eindrücke, die man haben kann. Andererseits gibt es Umbrüche und Veränderungen im heutigen Ordensleben, die junge Leute viel besser verkraften als ältere. Das Argument "Früher war alles anders", das man bei Älteren gelegentlich zu hören bekommt, kann keineswegs bedeuten, früher sei alles besser gewesen. Ganz sicher ist aber richtig, was die CDU-Vorsitzende Angela Merkel kürzlich einmal, natürlich in einem anderem Zusammenhang, bemerkte: "Wir müssen lernen zu lernen". Lernen zu lernen bezieht sich auf eine Reihe ganz neuer Gegebenheiten, auch in den Orden, nicht zuletzt auch auf neue Berufsbilder und Kommunikationsformen in unseren Gemeinschaften. Dieses Lernen ist schwierig, nichtsdestoweniger aber unerlässlich. - Einige der folgenden Andeutungen mögen genügen. Sie wollen keine Systematik sein und erst recht keine Vollständigkeit beanspruchen. Es stellt sich die Frage: Welche Lernprozesse deuten sich an, sind uns in Zukunft aufgegeben?

1) Es gibt geschichtliche Prozesse und Aufgaben, die ein Orden in der Zeit seiner Gründung wahrnahm, die wichtig und unverzichtbar für die Menschen und Epochen jener Zeit waren. Sie werden sich nicht automatisch als überholt darstellen, nur weil jene Gründungszeit lange zurückliegt, doch gibt es auch Umstände, die anzeigen können, dass jener geschichtliche "Kairos" sich ganz erfüllt hat und der einmalige Auftrag jetzt am Auslaufen ist. Jedenfalls, dass diese Aufgabe so, wie sie einmal war, nicht mehr sinnvoll und lebbar erscheint, dass man eventuell andere Formen oder auch Inhalte suchen muss, um den Menschen einer veränderten Zeit auch veränderte Antworten geben zu können. Dass dies in Übereinstimmung mit den betreffenden Ordenskonstitutionen und -satzungen geschehen müsste, versteht sich von selbst.

2) Abschied nehmen von einem bloßen Nützlichkeits- und Leistungsdenken. Fragen wie "Was bringt das? Was kann man damit anfangen? Was wird aus mir werden, wie darf ich mich selbst begreifen, wenn ich meine frühere Aufgabe nicht mehr erfüllen kann? Werde ich auch dann noch geachtet sein? Was wird man mit mir anfangen, wenn ich nichts mehr leiste? Wie erlebe ich mich selbst - ohne feste Arbeit? Worin gründet mein Selbstwertbewußtsein? Bin ich nur vollwertig und wichtig, wenn ich etwas leiste und so viel, wie ich leiste? Oder kann der Einzelne (die Einzelne) dem Bewußtsein in sich Raum geben: Ich bin von Gott geliebt - gänzlich unabhängig von dem, was ich leiste und bringe?" Das Nachdenken über solche Fragen, (die ja, weiß Gott, nicht nur für Ordensleute gelten), verlangt, vielleicht gerade in den Orden, eine große Ehrlichkeit. Man sollte nicht versuchen, die Antwort allzu rasch zu geben.

3) Älterwerden und Altsein bedeutet auch Verzicht auf Einfluss - etwas, was vielen gewaltig zu schaffen macht. Wie könnte sich das auswirken? Auch hier mögen einige Andeutungen genügen. - Bei Vorüberlegungen, Planungen, Entscheidungen entdecken wir eines Tages, dass wir nicht mehr zu Rate gezogen, nicht mehr gefragt werden. "Nicht mehr gefragt zu sein" erweckt in den Augen Außenstehender und bei den meisten älteren Menschen überhaupt den Eindruck, an Bedeutsamkeit verloren zu haben. Ein Beispiel, wie es sich kürzlich in einem Kloster abspielte: Ein eben emeritierter Bischof verabschiedete sich von einer Priestergruppe seines Bistums. Auf die Frage eines Priesters, er habe doch jetzt sicher nicht mehr so viele schwierige Situationen zu bedenken und zu entscheiden, antwortete der Bischof sehr freimütig: "Das Schwierigste für mich ist etwas ganz anderes." Der Priester fragte nochmals, was er damit wohl meine. Darauf der Bischof "Wissen Sie, das Schwierigste für mich ist, ich werde nicht mehr gefragt, ich habe nichts mehr zu sagen!" - Ein anderes Beispiel: Ein Ordensmann in Norddeutschland, der früher in vielen Ausschüssen und Gremien zu tun und auch mitzuentscheiden hatte, der gute Kontakte zu manchen Bischöfen pflegte, äußerte kürzlich einmal auf die Frage, ob er mit einem bestimmten süddeutschen Bischof denn noch Kontakte habe: " Wissen Sie, der Bischof fragt mich schon längst nichts mehr." In solchen Äußerungen ist die Enttäuschung kaum zu überhören. Der Verzicht auf einen früheren Einfluss, der Gedanke, vielleicht nicht mehr so wichtig zu sein bzw. nicht mehr wie früher gefragt zu werden, will bei jedem, der ein gewisses Alter erreicht hat, aufgearbeitet werden. Dies ohne bitteren Beigeschmack bejahen zu lernen, ohne den Eindruck eines unaufgearbeiteten "Rückzugs", ist sicher eine Aufgabe, in die wir beim Älterwerden hineinwachsen müssen. Auf Anhieb dürfte dies kaum gelingen. Dann und wann kann man immer wieder hören: "Die jetzige Leitung braucht ja niemanden mehr"... "sollen doch machen, was sie wollen, die wissen doch so wie so alles besser" In solchen oder ähnlichen Bemerkungen zeigt sich meist ein unaufrichtiger Verzicht. Die neue Freiheit ist keine wirkliche Freiheit geworden. Wer nicht wirklich loszulassen lernt, wird nicht wirklich frei. "Frei werden durch Loslassen" - das hört sich vielleicht patent an, ist aber sicherlich ein schwieriger Prozess.

4) Miteinander alt werden! Auch dies ist für geistliche Kommunitäten eine unverzichtbare Aufgabe: Wie kann dies, wie könnte dies vor sich gehen? In wieweit können für Ordensleute die Gelübde dabei eine Hilfe sein? Gibt es bei ihnen so etwas wie eine "Kultur des Zusammenlebens im Alter"? {2} Wächst so etwas wie ein miteinander Lasten tragen, wie Paulus einmal sagt: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,2)?
Viele Ordensfrauen haben über Jahre den guten Brauch gepflegt, miteinander Ferien zu machen, sei es zu zweit, zu dritt, zu mehreren. Vor dem Eintritt in den Orden war es die berufliche oder die familiäre Rolle, die Ansehen gab, die Zugehörigkeit zu' einer Gruppe. Da durfte und konnte jeder in seiner Weise besorgt sein, "sich selbst zu verwirklichen", anerkannt zu werden. Im Alter bekommt das Zusammenleben und der Umstand, dass sie in einer ganz neuen Weise aufeinander angewiesen sind, ein anderes Gesicht. Da gilt es nicht nur während der wenigen Stunden des Gottesdienstes oder des gemeinsamen Gebetes miteinander auszukommen. Dort erlebt man den Mitbruder, die Mitschwester, hautnah und manchmal stündlich, mit allen Gewohnheiten und Gewöhnlichkeiten. Aber gerade dies muss nicht nur Aufgabe werden, es kann auch einmalige Chance sein: gemeinsam ein Fest vorzubereiten und zu feiern, gemeinsam eine Reise zu unternehmen, gemeinsam Freud und Leid zu teilen - und darüber glücklich zu sein. Sich mitfreuen, mitfeiern, mit anderen mitleiden schafft neue Beziehungen, vermutlich sogar tieferer Art als dies anders je möglich gewesen wäre.

5) Neuen Umgang mit Muße und Kreativität lernen. - Wenn wir aus dem aktiven Berufsleben, aus aktiver, verantwortlicher Tätigkeit ausgeschieden sind, kann es in der Folgezeit passieren, dass jemand wie in ein Loch abrutscht oder er das Gefühl hat, die Decke fiele ihm auf den Kopf. Die herkömmliche Arbeit fehlt, eine neue ist noch nicht gefunden. In der Situation der Verheirateten sind dann oft Enkelkinder zu betreuen oder vor dem Haus wartet ein Garten auf Pflege. Die Situation der Verheirateten lässt sich nur zum Teil auf Ordensleute übertragen. Wichtig scheint jetzt jedoch, dass man einer ganz neuen Pflege der Muße im Alltag Raum geben lernt, damit viele ungenutzte kreativen Veranlagungen und Begabungen nicht verkümmern. Es gäbe viele Möglichkeiten: Kindern von Ausländern oder auch deren Eltern behilflich sein beim Erlernen der deutschen Sprache, einen Kurs beginnen zum Umgang mit dem PC, mit anderen Schwestern oder Brüdern eine neue, den eigenen Kräften entsprechende Arbeit anfangen, liegengebliebene Interessen von früher wieder aufgreifen, und anderes mehr. Nachdenklich machen uns heute Erkenntnisse der Lernpsychologie, wonach bei den meisten Menschen nur etwa 20% (!) der Begabungen und Fähigkeiten im Laufe des Lebens angesprochen und ausgeübt werden, die übrigen 80% aber brach liegen und ungenutzt bleiben. So manches Großartige und Schöne bleibt verschüttet, unentdeckt, darum auch unerfüllt!

6) Älter - werden - das Eröffnen eines neuen Weges. Im Dekret der 34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu "Der Jesuit als Priester" heißt es - und diese Überlegungen gelten nicht nur für Priester, sondern auch für Ordensbrüder und sicher in ähnlicher Weise auch für Ordensfrauen - in einem Kapitel über die "Stationen des Dienstes": Die Bereitschaft, "auf Verlangen der Oberen im Dienst des Evangeliums auch anderswo hinzugehen", sei "eine Bereitschaft, die mit zunehmendem Alter nicht leichter wird. Das sind die Jahre, in denen allein eine vertiefte Liebe zu Christus den Druck der Arbeit ausgleichen kann." Wenig später wird zur Haltung in diesem Dienst angefügt: "Obwohl der typische Jesuit seine apostolische Arbeit als Priester auch deutlich in die Zeit des Ruhestandes hinein fortsetzt, kommt doch im allgemeinen eine Zeit, in der solch äußere Tätigkeit aufhören muß. Wenn dies geschieht, kann er versucht sein zu denken, sein Leben hätte sein ursprüngliches Ziel verloren; er soll vom Herrn lernen, daß ihm vielmehr umgekehrt ein neuer Weg eröffnet worden ist, seine apostolische Sendung als Jesuit zu verwirklichen." {3} In diesem Dekret wird deutlich, dass der neue Weg anders sein muss als es der Weg in der früheren Tätigkeit war. "Anders" heißt nicht: weniger gut, weniger effektiv, weniger zielorientiert oder gar schlechter. "Apostolisch wirksam bleiben" hängt nicht vom Alter oder der Vitalität ab. Man denke hier nur an das stellvertretende Gebet für jene, die noch in aktiver Tätigkeit begriffen sind. Jeder kennt hier unzählige Beispiele, die dies deutlich machen und erhellen.

7) Die Weisheit des alten Menschen. Je älter wir werden, um so mehr sind wir geneigt, Lebensmaßstäbe anders, vielleicht sogar neu zu setzen: Was früher wichtig schien, ist plötzlich unwichtig geworden und umgekehrt: unwichtig Eingeschätztes erweist sich mehr und mehr als hilfreich und bedeutsam. Von dort rührt der Wunsch, bei Alten Rat zu holen. Ältere Menschen gelten als lebenserprobt, eher abgeklärt, eher als weise. Nicht zufällig haben Kinder, deren beide Eltern berufstätig sind und die oft nur wenig Zeit für die nötige Zuwendung den Kindern gegenüber erübrigen können, ein ganz besonderes Verhältnis zu den Großeltern. Nicht nur, um von ihnen Geschichten zu hören, Märchen vorgelesen zu bekommen, oft auch, weil die Großeltern mehr Zeit finden, weil sie häufig die ersten sind, die die Enkel zum Beten anleiten, ihre Fragen nach Warum? und Wieso? auch unverdrossen bereit sind zu beantworten. Die Vielfalt und der Reichtum gemachter Erfahrungen im Leben älterer Menschen, ihr Glaubenszeugnis und eine gewachsene Ausgeglichenheit helfen auch jüngeren, ihren Weg zu finden, Krisen zu meistern. Dass für eine wirkliche Orientierung dabei vor allem das erlebte Beispiel Hilfe ist und kaum der moralische Zeigefinger, dürfte zur Genüge bekannt sein.

8) Dankbarkeit. - Zu den Lernprozessen, die einen wesentlichen Reichtum, eine wesentliche Kostbarkeit des älteren Menschen ausmachen, gehört zweifelsohne die Fähigkeit, für Empfangenes zu danken. - Dankbarkeit lernt sich nicht von selbst, sie entwickelt sich nicht automatisch. Dankbarkeit verlangt aufmerksame und lernbereite Einübung in den Geschenkcharakter des Lebens. Dankbarkeit verlangt auch das bewusste Schauen und Anschauen der unscheinbaren Dinge, die im Alltag begegnen: Sie werden uns Tag für Tag geschenkt, sind immer anders, immer wieder neu. Jüngere Leute meinen da häufig, sich alles durch Anstrengung und Leistung aneignen und verdienen zu können. Irgendwann wird vermutlich jeder entdecken und einsehen müssen, dass dies ein Trugschluss bleibt. Danken lernt man nur, wenn man sich immer wieder bewusst macht, dass das Geschenkte ungeschuldet ist, dass wir keinen Anspruch darauf haben: Liebe und Treue eines langen Lebens, sich versöhnen lassen und vergeben können, die reiche Erfahrung vieler Jahre, diese und tausend andere Dinge sind in unserem Leben nicht einklagbar, sie sind nie Forderungen, sondern letztlich freies Geschenk - trotz aller menschlichen Mühe, sich für das Beschenktwerden fähig zu machen. Ein Mensch, der im Blick auf den nicht einsehbaren Plan Gottes mit dem eigenen Leben danken kann, wird irgendwann vielleicht auch fähig werden für das zu danken, was ihm scheinbar vorenthalten wurde, was dunkel und unbegreiflich war, wird schließlich sogar dankbar sein können für das, was er nie begriffen, was sich wie eine dunkle Wolke über seinem Leben ausgebreitet hat.

 

II. Haltungen und geistliche Suchbewegungen

"Nicht nur die Jahre bestimmen das Alter", sagt Theresia Hauser einmal {4}, das heißt, ältere Menschen werden immer wieder die Erfahrung machen, dass ihr Leben durch Vieles geprägt war, nicht nur (nicht einmal in 1. Linie) durch die Zahl der Jahre. Es gibt junge Alte, es gibt auch alte Junge, eine bekannte Tatsache. Ein erfülltes Leben, ein die Menschen in vielerlei Hinsicht erfüllendes Tun spielt dabei eine wichtige Rolle. Auch wenn weiter oben bereits einige Haltungen erwähnt waren, hier nochmals Momente, Suchbewegungen, die helfen könnten, die älteren Jahre fruchtbar zu gestalten.

 

Der geduldige Umgang mit sich selbst.

Das lateinische "patientia", das wir gewöhnlich mit Geduld übersetzen, könnte auch heißen "Fähigkeit, an sich selbst zu leiden". An der eigenen Unvollkommenheit und Grenze leiden, ist da wohl gemeint. In der Hl. Schrift heißt es einmal: "In patientia vestra possidebitis animas vestras", "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr euer Leben gewinnen". ("In eurer Ausdauer werdet ihr euer Leben gewinnen", übersetzen andere). Die Geduld, die Ausdauer, nicht nur mit den anderen, sondern vor allem mit sich selbst, ist aktive Tugend, eine Haltung, in der es gilt, etwas auszuhalten, durchzustehen, nicht nur Umstände, sondern Menschen. Vor allem sich selbst, mit all den Einseitigkeiten, die wir uns nur ungern eingestehen. Zu unseren Einseitigkeiten von innen gesellen sich mehr und mehr die Einschränkungen von außen. So kommt es häufig dazu, dass ein älterer Mensch immer wieder um sich selbst kreist, dass die eigenen Krankheiten zum Dauerthema und unerschöpflichen Gesprächsstoff mit anderen werden. Geduld hat auch mit Tapferkeit zu tun, Tapferkeit aber setzt Verwundbarkeit voraus. Unsere Haut, unsere Nerven, unsere Zukunftserwartungen, die zugefügten Verletzungen in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, die Angst vor einer plötzlich auftretenden Krankheit, einem baldigen Sterben, alles wird plötzlich verwundbar. Die meisten Menschen werden heute älter, als ihre Vorfahren es waren. Wenn ältere Menschen es dann lernen, auch mit zugefügten Verwundungen zu leben, so, dass diese einerseits nicht einfach ignoriert werden, dass sie andererseits aber auch heilen dürfen, und dies im Wissen, dass man den Rest seines Lebens nicht daran "hängen bleiben" muss, dann kann ein solcher Prozess auch zu einer neuen Zuversicht verhelfen. "In einer Wunde kratzt man nicht!" ist nicht nur Rat eines klugen Arztes, es ist mehr. Die Biologie vermag zu heilen und alle Gesundheitspflege setzt zunächst einmal auf die Selbstheilungskräfte der eigenen Natur. Eine ähnliche Gesetzlichkeit gilt auch im psychischen Bereich. Auch mit Verwundungen zu leben, dann, wenn man sie nicht (oder nicht mehr) ändern kann, gehört zur Ganzheit menschlicher Erfahrung. Gilt dies von körperlichen Verwundungen bis hin zu Amputationen, so mag dies sicherlich auch bei seelischen Verletzungen in vielerlei Hinsicht zutreffen.

 

Abgabe von Verantwortung

Das Tabu der "Abgabe von Verantwortung" wird, hinsichtlich seiner Konsequenzen, bisweilen jahrelang kaum angesprochen. Es gab Zeiten, da schien es normal zu sein, dass, wenn jemand einmal Oberin eines Hauses war, sie als Oberin, wenn auch an anderen Orten, immer wieder ernannt wurde, 4 mal, 5 mal hintereinander. Es gab auch Zeiten, da glaubte man es durchaus vertreten zu können, eine 70-jährige Ordensfrau als Internatsleiterin für 12-15-jährige Mädchen bestellen zu dürfen. Solche Beispiele sind keinesfalls erfunden, sie ließen sich vermehren. Mag sein, dass sich dies in Männerklöstern, männlichen Ordensgemeinschaften ein wenig anders darstellt, aber auch dort verführt der spärlicher werdende Nachwuchs oft genug dazu, einmal bewährte Leute sich immer von neuem bewähren zu lassen. Die gestufte Rücknahme aus einer Vollzeittätigkeit kann und darf nicht als Verurteilung aufgefaßt werden, es stellt sich schließlich für alle Ruheständler die Frage: Welche Tätigkeiten bleiben denkbar? Und: Gibt es gute Beispiele aus anderen Kommunitäten? Was könnten wir übernehmen? Gibt es diese oder jene Tätigkeit ohne verpflichtenden Zeit- und Termindruck, ohne volle Verantwortung? {5} Natürlich werden Krisen kommen, die durch neue Gegebenheiten, z.B. bei Versetzungen, entstehen. Entscheidend ist jedoch dabei, dass nicht jede Veränderung als persönliche Bedrohung aufgefasst werden darf. Viele Ordensleute tun sich in diesem Punkt sicherlich schwer.

 

Liegen gebliebene Wünsche aus früherer Zeit.

Manches wurde bereits oben angedeutet. Es ist gut, wenn man sich mit beginnendem Rentenalter fragt: Wo gibt es von früher her Liegengebliebenes? Was und wo waren damals die Dinge, die man gern getan hätte, zu denen man aber vor lauter Arbeit nicht kam? So etwa Hobbys, künstlerische oder musische Fähigkeiten, die jemand gern neu aufgreifen möchte, die "gepflegt" werden sollten? "Pflegen" lautet im Lateinischen "colere". Vom lateinischen Ursprung wurde später unser Wort "Kultur" entwickelt. Die Dinge, die wir zu unsrer Kultur zählen, wollen (immer neu) auch "gepflegt" sein. Könnte man nicht noch mehr kleine Orchester bilden als Hilfe für Feste und Feiern? Ist Muße in vielen Gemeinschaften eher ein Schimpfwort, etwa im Sinne: Du hast wohl jetzt nichts zu tun? Eine Vielzahl von Chancen täte sich hier auf: Malen, Fotografieren, ein entsprechendes Album gestalten und vieles andere mehr.

 

Die Zeichen der Zeit wahrnehmen!

Einige Möglichkeiten seien kurz genannt: Es ließe sich an so manche Gruppe von Einwanderern aus östlichen Ländern denken, man könnte hier Sprachunterricht anbieten, Nachhilfe-Stunden für Ausländer-Kinder in der Erlernung der deutschen Sprache, aber auch in anderen Fächern. Die Vorbereitung von Konvertiten auf die Taufe anbieten, ökumenische Gebets- und Gesprächskreise bilden oder wenigstens in ihnen mitarbeiten, die Zusammenarbeit mit anderen Ordensgemeinschaften in Stadt oder Bistum suchen. In vielen Klöstern sammeln ältere Ordensmitglieder Briefe und Dokumente, Zeugnisse und alte Fotos für Dokumentationen im Hausarchiv, in der Provinz- oder der Ordensgeschichte, stellen so auch Chroniken für spätere Zeiten zusammen. Das alles sind hilfreiche Dienste für die größere Gemeinschaft, die wie selbstverständlich durch Ältere erbracht werden können, Dienste, die bei den Betroffenen auch ein Gefühl der größeren Solidarität wachsen lassen - und zu großer innerer Befriedigung verhelfen.

 

Die eigene Spiritualität vertiefen

Spiritualität, das ist die Art, wie jemand aus der Kraft des Glaubens sein Leben gestaltet. Natürlich hatte jeder Einzelne, wenn er einmal reflektierend zurückblickt, während seines Lebens ein anderes Umfeld, andere Aufgaben, andere Begabungen - und versuchte wohl auch in seinen tiefsten Überzeugungen anders als andere zu leben. Mit zunehmendem Alter pflegen Menschen auch mehr und mehr zurück zu schauen: sich zu erinnern, woher sie kamen, wie sie und was sie begonnen haben und was daraus geworden ist. Verkürzt gesagt: In der Rückschau entdecken wir das, was unsere eigene Spiritualität ausmachte. Spiritualität, das war die ganze Realität meines oder unseres Lebens, besonders in Situationen, in denen wir versuchten, dieses Leben aus der Kraft des Glaubens zu meistern. Antoine de Saint-Exupery meint einmal: "Wenn ich einmal sterben werde, Herr, dann komme ich zu Dir. In Deinem Namen habe ich den Acker bestellt. Doch dein ist die Saat. - Ich habe die Kerze gebildet. An Dir ist es, sie anzuzünden. - Ich habe diesen Tempel gebaut. An Dir ist es, sein Schweigen zu bewohnen." - Die Jahre des sich Zurückziehens könnten anleiten, der "Vorbereitung auf das große Fest" mehr und mehr eingedenk zu sein. In der Suche und Bewahrung eines "Einverstandenseins" mit dem geheimnisvollen Plan, den der Schöpfer des Lebens uns oft genug hat spüren lassen und bis zum gegenwärtigen Tag spüren lässt, im Ja zum Frieden mit allen Menschen, in ungekünstelter Freundlichkeit anderen gegenüber: In all jenen Versuchen wächst eine stille Kraft, die uns mit dem letzten Geheimnis unsres Lebens täglich vertrauter macht, unserem Heimgang, dem Sterben. Mehr als Angst und Sorge über das, was kommt (obwohl wir diese Ängste durchaus spüren), wachsen Freude und Sehnsucht darüber, einmal endgültig in jene Gestalt hineinwachsen zu dürfen, als die wir gedacht sind. Es wächst in uns auch eine neue Art des Betens. Dieses Beten besteht eher in der Gewissheit und dem Gespür für die bleibende Gegenwart Gottes, ist mehr ein Verweilen denn ein Reden, ist eher Stille und Ausruhen als Aktivität und eigenes Handeln. Es ist vermutlich ein Beten, das uns auf einer Woge trägt, auf der wir ruhig atmen und gleiten. Viele ältere Menschen dürften zu einer solchen Form einfachen und stillen Verweilens ohne allzu große Schwierigkeiten hinfinden, eine Form des Bei-Gott-Seins, die wenig tut, aber immer mehr lebt und einfach ist. Warum sollte es nicht möglich sein, auch für scheinbar Ungeübte, in diesem verweilenden Gebet täglich eine Stunde innezuhalten, zu meditieren? Diese Stunde wird für jene, die sie suchen und pflegen, vermutlich schon nach kurzer Zeit zur liebsten und kostbarsten Stunde des Tages werden, sie wird, nach einigem Einüben, zu einer Stunde werden, die jene, die es ernsthaft angehen, nie mehr missen möchten.

 

Einüben des Abschiednehmens

Zur "gelebten Spiritualität" gehört sicherlich auch, uns auf das eigene Sterben vorzubereiten. "Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen". Ein geistlich lebendiger Mensch entdeckt, je älter er wird, vermutlich immer mehr, dass das letzte und "eigentliche" Sterben eingeübt sein will durch ein vorausgehendes tägliches Loslassen, in einem täglichen Prozess des Sich-Lösens, des Abschiednehmens. Wir entdecken dies dann, wenn wir anfangen müssen, mit einer Krankheit zu leben; wenn wir uns gezwungen sehen, uns helfen zu lassen, weil wir vieles allein nicht mehr schaffen; vielleicht auch, wenn wir schließlich sogar damit "einverstanden" sein können, anderen eine Last zu werden. - All dies könnten Schritte werden in eine letzte Ergebung hinein, die uns nicht kleiner macht, sondern uns wachsen lässt, die eine tiefe Angleichung an die Gestalt Jesu, des Herrn bewirkt. Ihm haben wir einmal in der Taufe versprochen, mit ihm sterben und auferstehen zu wollen (vgl. Röm 6, 3-11), waren bereit, uns ganz von ihm umgestalten zu lassen. Ignatius von Loyola lädt in seinen Exerzitien ein, sich das eigene Sterben einmal ruhig vor Augen zu führen, nicht, um darüber zu erschrecken oder in panische Angst auszubrechen, sondern dass der einzelne sich vorstelle, was er in seiner letzten Stunde wohl wünschen würde, dass er es getan hätte. Er ist überzeugt, dass von dieser Vorstellung ein mildes und ruhiges Licht auf die Entscheidung des gegenwärtigen Augenblickes fällt.{6}

Dieses "Wachsen" ist etwas Kostbares. Um dieses letzte Wachsen geht es in einem Gebet, das im Gotteslob (Seite 30, Nr. 6) aufgezeichnet ist. Dort heißt es: "Wachse, Jesus, wachse in mir"... "Wachse in mir mit deiner Gnade, deinem Licht und deinem Frieden. Wachse in mir zur Verherrlichung deines Vaters, zur größeren Ehre Gottes." (Pierre Olivaint)

 

Benutzte Literatur:

34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu. München 1997.
R. Guardini, Die Lebensalter, ihre ethische und pädagogische Bedeutung. Mainz 1986.
Th. Hauser, Zeit inneren Wachstums. Die späteren Jahre. München 1997.
I. Hauser-Schöner, Kinder brauchen ihre Großeltern. München 1994.
Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen (mit erläuternden Texten) übersetzt und erklärt von P. Knauer. Leipzig 1978.
E. Lukas, Alles fügt sich und erfüllt sich. Die Sinnfrage im Alter. Stuttgart 1995.
H. Rotter, Rast oder Unrast der apostolischen Berufung im Alter, in: GuL 2000, 324 - 335.
Chr. Swientek, Mit vierzig depressiv, mit siebzig um die Welt. Wie Frauen älter werden. Freiburg 1991.
E. J. Thouet, Menschlich und sinnvoll sterben, in: Christ in der Gegenwart 1986, Nr. 43.
A. Vetter, Das Alter in psychologischer Sicht. Zur Psychologie der Lebenskrisen. Stuttgart 1962.

 

Anmerkungen:

{1} Vortrag gehalten am 28.8.2002 vor den Mauritzer Franziskanerinnen, Münster/Westf.
{2} Th. Hauser, Zeit inneren Wachstums, Die späteren Jahre. München 1997, 98.
{3} Dekrete der 31.-34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu. München 1997, Nr. 190, 191. passim.
{4} Th. Hauser, Zeit inneren Wachstums, ebd., 19 f.
{5} Vgl. "Unsre Tage zu zählen lehre uns!" Ordensbrief von Bernd Franke SJ an die Mitbrüder des Jesuitenordens in Süddeutschland München 1995
{6} Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, (Übertragung u. Erklärung von Adolf Haas). Freiburg 1981, 66, Nr. 186.

 

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